Überleben – ähh – überwintern in Deutschland

 
Jau, nun hat es uns kalt erwischt! Verrückt, vor zwei Tagen war noch Sommer, in der Sonne nicht auszuhalten ohne zu schwitzen. Kniehosen, kurzärmeliges T-Shirt, keine Strümpfe. Spanien-Winter-Bedingungen. Und jetzt Winter in Deutschland, Ende Oktober. Kennen wir fast nicht mehr. Das letzte Mal erlebt vor fünf Jahren. Ich weiß gar nicht, was ich anziehen soll! Klar haben wir unsere richtigen Wintersachen hervorgekramt und in Oscarlotta verstaut. Seit fünf Jahren nicht getragen. Aber – wohin mit den nassen Jacken, den Gummistiefeln, dem triefenden Regenschirm? Kriegen wir jetzt schon „kalte Füße“? Nett gemeinte Kommentare aus dem sonnigen Spanien bei 31°C erreichen uns. 31°C ist MIR viel zu warm, das will ich auch nicht. Ich will auch nicht nur vor dem Wohnmobil im Schatten sitzen und darauf warten, dass wieder ein Tag vorbeigeht. So jung bin ich nicht mehr, dass ich mir das leisten könnte. Heute waren wir im Kino. Mit Flitzi bis zum P1, warten auf den Bus bei dichtem Schneegestöber. Ein Mädel hat Spaß daran, Schneeflocken mit dem Mund zu fangen, sie wetteifert mit ihrem Vater. Mit dem Ortsbus bis Ortsmitte, unter’m Regenschirm bis zum Kino. Kino geht in Spanien nicht, so gut sind unsere Sprachkenntnisse noch nicht. Ein Film zum Nachdenken, lustig, traurig, melancholisch, resignativ, voller Sehnsucht nach dem Leben, das schon vorbei ist. Und soviel verzweifelte Hoffnung, dass es vielleicht doch noch einmal so sein könnte wie damals. Kenne ich. Wird bei den Spanienüberwinterern soviel Alkohol konsumiert, um diese Gefühle nicht zu fühlen, diese Gedanken nicht zu denken? Was erzählt man sich denn jeden Tag bei den immer gleichen Vor- oder Nachmittagszusammenkünften? Will ich die Eheprobleme der Töchter und Söhne erfahren, die Schulprobleme der Enkel, die Krankheiten, die zunehmen? Nein. Ich möchte auch nicht, dass die Nachbarn jedes unserer Gespräche, jedes Telefonat mithören und ICH möchte auch nicht wissen, was nebenan geredet wird. Geht mich ja nichts an, oder? Ich brauche meine Privatsphäre, andere offenbar nicht. Kuschelcamping? Eine Horrorvorstellung für mich. Auch deshalb bleiben wir in Deutschland. Sonne und Wärme allein sind nicht alles, diese Erfahrung habe ich über die Jahre gemacht. Ich wünsche mir mehr, mehr Inhalte, mehr Tiefe, mehr Herausforderungen. Klar, das macht einsam, wenn man so ist wie ich. Einsamkeit ist ein schwer auszuhaltendes Gefühl. Nicht nur für mich. Oder weswegen finden sich in schöner Regelmäßigkeit jeden Winter in Spanien neue „Liebes“-Paare, beflügelt von der Sonne, der Wärme und dem Alkohol?

Okay, ich mache jetzt Schluss mit diesem Beitrag der besonderen Art. Vielleicht will das ja sowieso keiner wissen, was ich so denke. Dann wartet einfach auf den nächsten Artikel, der wird wieder heiterer. 

Gute Nacht für heute! Nein, heute habe ich leider kein Foto für euch!

written by Ingrid

von Oscarlotta on tour Veröffentlicht in Allgemein