Und dann war Norma plötzlich da!

 

RentnerbänkchenAls Uschi am Sonntagmorgen unsere Frühstücksbrötchen in der Rezeption abholen gehen wollte, gab es rund um das gegenüberliegende “Rentnerbänkchen” etwas, das am Abend vorher noch nicht da gewesen war. Ein winziges Zelt, ein paar Utensilien rundherum und eine freundliche Frau, die ganz offensichtlich zu alldem gehörte und Uschi mit einem fröhlichen ”Guten Morgen” begrüßte. Eine Rucksacktouristin? Als Uschi mit der Brötchentüte zurückkam, entdeckte sie, halb unter den Bäumen und Büschen versteckt, das Gefährt, mit dem die Frau unterwegs war. Das war so ungewöhnlich, dass sich sofort eine Unterhaltung entwickelte, die darin gipfelte, dass Uschi unsere Nespresso-Maschine anwarf und Norma, wie die Frau sich vorgestellt hatte, einen Kaffee brachte. Normas TretrollerNorma war seit 20 Tagen unterwegs, war in ihrer Heimatstadt Dresden gestartet und will zu ihrer Nichte nach Luzern. Nein, sie hatte kein Fahrrad dabei, kein Motorrad, keinen Motorroller, sondern einen… Tretroller! Sie besitzt sowohl ein normales Fahrrad als auch ein Batteriefahrrad, aber das war ihr alles zu schnell. Sie wollte die Gegenden, durch sie sie kommen würde, “erleben”. Eigentlich wollte sie wirklich mit dem Rucksack auf Wanderschaft gehen, aber dafür war die Gesamtstrecke dann doch ein wenig weit. Da kam ihr die Idee mit dem Roller! Natürlich kann sie nur “rollern”, wenn die Straße mindestens eben ist, bergab kann sie sogar auf einem kleinen “Hilfsfahrradsattel” sitzend fahren. Meistens aber läuft und schiebt sie, erzählte sie, so ca. 70%. Sie wirkte sehr glücklich und zufrieden. Übernachtet hatte sie bisher in Waldhütten, auf Campingplätzen oder auch schon einmal in einem Gasthaus, wenn nichts anderes zu finden gewesen war. Letzteres aus Kostengründen nur ungern, denn ihr Reisebudget ist sehr überschaubar. €40 für eine Übernachtung mit Frühstück reißt ein großes Loch, weswegen sie dann lieber auf das Frühstück verzichtet und sich selbst verpflegt. Das ist aber gar nicht so einfach! Es gibt nur ein kleines Packfach für ein Brettchen, ein Messer, eine Gabel, einen Löffel. Ein Glas Pulverkaffee hatte sie dabei und eine kleine Thermoskanne, aber keinen Kocher! Heißes Wasser würde sie sich erbitten, das würde fast immer klappen und wenn nicht, dann gäbe es eben mal keinen Kaffee, auch nicht schlimm! Brot hatte sie, Hartwurst und bei der Hitze vor sich hinschmelzende Hanuta. Gekocht werden könne nicht, aber einmal habe sie in einer Gaststätte fränkische Bratwurst mit Bratkartoffeln gegessen. Zu trinken hatte sie ausreichend dabei, das war ihr wichtig.

Am Samstag kam sie aus der Nähe von Dinkelsbühl, unterwegs hatte sie ein Reifenproblem und musste in eine Fahrradwerkstatt. Irgendwann hatte sie Aalen erreicht. Auf der Suche nach einer Waldhütte zum Übernachten lief oder rollte sie bis Essingen. Da nichts zu finden war, entschloss sie sich, den Campingplatz “Hirtenteich”, den ihr Fahrradnavi ihr anzeigte, anzusteuern. Sie wusste auch, dass er etwas höher liegt. Kurz vor Mitternacht hatte sie mit Hilfe des noch ziemlich vollen Mondes unseren Campingplatz erreicht, nach ca. 50km! Wir liegen auf 700m Höhe, von Essingen hoch geht es über eine Distanz von 6km bis zu 12% bergan, es ist eine nicht beleuchtete zweispurige Landstraße ohne Randstreifen. Viele unübersichtliche Kurven, eine nicht nur bei Dunkelheit nicht ungefährliche Angelegenheit, dort zu Fuß hochzulaufen/-schieben! Irgendwann habe eine Frau mit PKW gehalten und gefragt, ob alles in Ordnung sei mit ihr. Mehr konnte die aber auch nicht für sie tun. Norma fand “unser” Rentnerbänkchen, sah das Licht in unserem Wohnmobil, schlug ihr Zelt auf und schlief vermutlich, bevor sie richtig lag.

Normas ZeltplatzNormas Zelt

Den Sonntag hatte sie zum Ruhetag erkoren und so lernte ich sie dann auch noch kennen. Norma war Krankenschwester und will jetzt, mit 63 Jahren, ihr Rentnerleben genießen. Sie fand unsere Art zu leben total interessant und es bestärkte sie, ihr Anderssein, das so viele Menschen in ihrem Umfeld als “verrückt” bezeichnet hatten, voller Überzeugung und Mut weiter zu leben. So zum Beispiel mit einem Tretroller von Dresden nach Luzern zu fahren. Wir luden ihre Akkus und das Handy auf, Norma lud sich selbst wieder auf, wir halfen abends noch mit Spaghetti und Gemüsesoße nach. Telefonnummern wurden ausgetauscht, sie versprach, sich zu melden. Und am Montagmorgen war Norma wieder weg!

Normafährtwieder

Am Dienstag rief sie an, sie habe so einen tollen Tag gehabt. Im Wald fand sie an einer Bank eine Plastiktüte voller Pfandflaschen, die sie mitnahm. Kurz drauf sprach sie ein älterer Spaziergänger an, zeigte sich interessiert und erstaunt ob ihres vollgehängten Gefährts und fragte, ob er ihr was abnehmen könne. Ja, vielleicht die Tüte mit den Pfandflaschen, die sie ja eigentlich abgeben wolle, die aber doch sehr hinderlich sei. Daraufhin habe der Mann seinen Geldbeutel gezückt, ihr einen 20-Euro-Schein in die Hand gedrückt und gemeint, die Flaschen solle sie mal ruhig selbst abgeben, im nächsten Ort sei ein “Norma”. Natürlich wollte sie das Geld nicht annehmen, aber der Mann habe nur gemeint, so ein bewundernswertes Unterfangen müsse er einfach unterstützen. Die Flaschen ergaben eine Pfandsumme von €5. Glücklich über diesen unerwarteten Geldsegen leistete Norma sich an der Bäckertheke einen Becher Kaffee und ein Stück Kuchen. Da sprach sie eine Frau an, ob das da draußen ihr Gespann sei? Nachdem Norma kurz ihre Story erzählt hatte, meinte die Frau, sie müsse jetzt unbedingt noch etwas warten, sie rufe jetzt die Lokalreporterin des Tagesblattes an, die mache dann ein Interview mit ihr. Wenige Minuten später war die Zeitungsfrau da, befragte Norma und gab ihr als “Honorar” €15. So war Norma an einem einzigen Tag völlig unverhofft zu “Einnahmen” in Höhe von €40 gekommen, hatte nette Begegnungen und lecker gegessen. Sie schwärmte am Telefon von der Herzlichkeit der Baden-Württemberger! Vielleicht hätte sie bei “Norma” ihren Personalausweis vorzeigen sollen. Wer weiß, ob sie dann nicht noch mit Rabatt hätte einkaufen können!!! Versuch es beim nächsten Mal, Norma! Es war sehr nett, dich kennengelernt zu haben!  🙂

written by Ingrid
photos taken with iPhone and Canon EOS 600D

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

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10 Kommentare zu “Und dann war Norma plötzlich da!

  1. Grossartig – jeder, der neues versucht ist grossartig!
    Gerne erinnere ich mich an meine Anfänge und ich möchte keinen einzigen Tag missen!

  2. Toller Bericht über Norma ihre grosse Reise. Für mich als ihre Freundin sehr gut zu wissen das es ihr gut geht. Habe große Bewunderung für ihren Mut. Danke für diesen tollen Artikel und weiterhin gute Erlebnisse

    • Liebe Norma – auch ich bin einmal gestartet ohne zu wissen, was mich erwarten wird! Manches Mal ist das besser als zu wissen, was kommen wird….
      Alles Liebe für Norma und auch für Dich Rita ♥

  3. Ich finde diesen Bericht auch sehr schön und ich wünsche Norma eine gute Weiterreise. Seid ihr schon unterwegs? Wenn nicht, wie lange seid ihr noch in Lauterburg?
    LGElfie

    • Hallo Elfie!
      Danke für die lieben Wünsche und das Lob 🙂
      Wir sind sicher noch diese Woche hier. Schafft ihr das? Würden uns freuen, euch zu treffen! Werden aber nicht sooo viel Zeit haben.

  4. Hallo zusammen solche Geschichten sind das Leben ,dann gibt es Menschen die das aufschreiben und uns daran teilhaben lassen. Viele Dank für diesen wunderbaren Bericht Lg wolfgang

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