Weihnachten in Brüggen

 

Für die Weihnachtsfeiertage hatte ich mir das kleine Städtchen Brüggen ausgesucht, das auch einen Wohnmobilstellplatz hat. Brüggen liegt im Naturpark Schwalm-Nette in der Nähe von Mönchengladbach/Viersen und nicht weit von den holländischen Städten Venlo und Roermond entfernt. Ganz in der Nähe hatten meine Eltern über viele Jahre ihren Wohnwagen auf einem Campingplatz stehen. Diesen Wohnwagen, eher ein Wägelchen, hatte mein Vater zwischen 1955 und 1958 selbst entworfen und gebaut und zwar so, dass als Zugwagen unser erster PKW, ein Lloyd 600, ausreichte. Das Material war Flugzeugsperrholz, besonders leicht und formbar, außen verkleidet mit Kunststoffplatten und isoliert mit Styropor (?). Das kleine „Ei“ war 3m lang, 1,60 m breit und hatte ca. 1,90m Stehhöhe. Zunächst gab es aus Gewichtsgründen auch weder einen Deichselkasten für Gasflaschen noch ein hinteres Fenster. Beides wurde erst nachgerüstet, als sich in der Fahrpraxis der Lloyd dann doch recht schnell als untermotorisiert und absolut überfordert herausstellte und ein Ford ihn ablöste. Aber ein total hübsches Gespann waren der kleine grün-weiße Lloyd und der weiße, knuddelige Wohnwagen dahinter. Ich kann mich noch gut erinnern, dass Passanten auf der Straße uns lächelnd, amüsiert oder erstaunt hinterher sahen, denn Wohnwagen waren noch eine Rarität zu dieser Zeit. Ich war acht Jahre jung und ich erinnere mich gut, wie aufgeregt bangend wir an einem Tag darauf warteten, dass mein Vater nach Hause kam mit erfolgreicher TÜV-Abnahme. Es klappte tatsächlich gleich beim ersten Mal!

Die nächsten Jahre ging es ab dem Frühjahr bis zum späten Herbst jedes Wochenende aufs Land. Von einem Bauern hatte mein Vater ein kleines Stück Land am Waldrand gepachtet, wir standen dort ganz allein. Wasser zum Waschen und Kochen wurde in Kanistern vom Bauernhof geholt. Nein, fließendes Wasser gab es nicht in dem kleinen Wohnwagen, auch keine Toilette. Zu dieser Zeit ging man noch mit Spaten in den Wald. Laut lachen Zum (Hände) Waschen stand draußen eine kleine Plastikwanne. Der Wohnwagen bestand hauptsächlich aus zwei langen Bänken und einem großen Tisch. 4-5 Personen konnten dort bequem sitzen, mit herunterklappbarem Zusatzbrett und Klapphocker auch sieben. Zum Bett umgebaut ergab sich eine Liegefläche von 1,60 x 1,90. Mein 10 Jahre älterer Bruder fuhr nur zu Beginn noch mit, dann schlief ich auf einer Luftmatratze unter dem abgesenkten Tisch. Als ich älter wurde, bekam ich ein Zelt für mich allein. Vor dem Bett gab es einen schmalen Durchgang zur Eingangstür, an der Bugwand befand sich ein Kleiderschrank, ein Küchenunterschrank mit großer Arbeitsfläche, ein kleiner Oberschrank für Gläser und Tassen und über Eck war eine Vorrichtung, auf der ein Zweiflammen-Gaskocher Platz hatte. Drunter stand eine Kühlbox. Mehr brauchte man damals nicht zum Glücklichsein! In den Schulferien machten wir Urlaubsfahrten nach Holland, nach Österreich, nach Bayern. Besonders in Holland blieben meine Mutter und ich oft die ganzen Sommerferien und mein Vater, der ja nicht so viel Urlaub bekam, besuchte uns an den Wochenenden. Und das, obwohl er damals auch samstags noch bis Mittag arbeiten musste! Ich wurde also sehr frühzeitig infiziert mit dem Camping-Bazillus!

Ich war Mitte zwanzig, als meine Eltern sich entschlossen, einen größeren Wohnwagen zu kaufen. Mein Vater war gerade in Rente gegangen, sie planten längere Auslandsreisen und wollten für das obligatorische Mittagsschläfchen nicht immer ein Bett „bauen“ müssen. Den kleinen Wohnwagen verkaufen??? Erstauntes Smiley Ich beschloss, ihn zu übernehmen. Passenderweise wurde die Nachbarparzelle auf dem Campingplatz frei und ich pachtete sie. Reisen konnte ich mit dem „Ei“ allerdings nicht, da ich ja ausschließlich Enten fuhr, außerdem war es inzwischen auch schon etwas in die Jahre gekommen. Die nächsten 20 Jahre verbrachte ich aber im Sommer so gut wie jedes Wochenende dort und immer mindestens die Hälfte der Sommerferien. Ein Vorzelt gab es inzwischen, das eine größere Grundfläche hatte als der Wohnwagen, aber es gab immer noch weder fließendes Wasser noch eine Heizung, dafür aber im Vorzelt einen Haushaltskühlschrank und ein Porta Potti.

Ich habe es geliebt, dort zu sein! Und meine beiden Hunde, die ich nacheinander hatte, ebenfalls. Aber auch damals schon war ich kein Freund von Kuschelcamping und es war ideal, dass ich einen Eckplatz am äußersten Ende des Campingplatzes hatte, mit Nachbarn nur an einer Seite – und das waren meine Eltern.

Die Gegend dort ist sehr waldreich und man konnte auf schattigen Wanderwegen mit dem Rad bis Roermond fahren oder zum Baden an einen kleinen See oder eben nach Brüggen, zum Bummeln und zum Eis essen. Meine Hunde konnten immer frei mitlaufen, erst kurz vor Brüggen wurden sie in ihren Fahrradkorb verfrachtet. In einer guten halben Stunde waren wir dort. Wenn meine Eltern auch da waren, fuhren wir des öfteren zum Essen gehen nach Brüggen, entweder in die „Brüggener Mühle“ oder ins „Brüggener Klimp“, ein ehemaliger Bahnhof.

Brüggener MühleBrüggener MühleBrüggener MühleMühlbachBrüggener Mühle

Ja, und das alles wollte ich jetzt mal wiedersehen! Es hatte sich rein gar nichts verändert in den letzten 20 Jahren!!! Das Städtchen ist immer noch winzig und besteht hauptsächlich aus Boutiquen, Restaurants und Cafés. Anziehungspunkt war und ist das noch teilweise erhaltene Wasserschloss, auf dessen Gelände mehrmals im Jahr Feste ausgerichtet werden. Brüggen lebt vom Tourismus und von der Nähe zu Holland und in den Sommermonaten werden wohl immer noch Busladungen Reisender zum Kaffee trinken dort abgesetzt.

weihnachtliches Brüggenweihnachtliches Brüggenweihnachtliches Brüggenweihnachtliches BrüggenBurg BrüggenBurg Brüggen

Auch der Wohnmobilstellplatz war gut besucht! Als ich ankam, konnte ich mir noch einen Platz aussuchen und entschied mich für die fast leere Platzseite. Es stellte sich dann allerdings heraus, warum sie so leer war, es gab dort nämlich keinen Fernsehempfang! Zwinkerndes Smiley Bereits am 1. Weihnachtstag war auf der Seite mit Empfang kein Platz mehr frei und notgedrungen musste man auch mit der anderen Seite Vorlieb nehmen. Ich hatte Glück, zwischen den Flair-Nachbarn zur Rechten und Oscarlotta fuhr niemand rein. Der Stellplatz ist einfach, bietet Stellflächen auf Schotter für 40 Mobile, Strom pauschal für €2, allerdings nur mit einer Absicherung von 6 Ampere. Das reichte leider nicht für meine Kaffeemaschine! Also Weihnachten ohne Fernseher und Kaffee??? Ich kaufte mir Pulverkaffee. Enttäuschtes Smiley Pro Nacht werden (ohne Strom) €5 fällig, es gibt ein Rohr zur Toilettenkassettenentleerung und für Grauwasser und einen Frischwasserhahn, an den kein Schlauch angeschlossen werden kann. Dafür kostete weder die Ent- noch die Versorgung etwas. Vom Platzwart wurde ich wortlos beobachtet, als ich meine Kassette entleerte, sie mit dem Inhalt der bereitstehenden Gießkanne spülte und diese dann am Frischwasserhahn wieder auffüllte und zurückbrachte. Als ich gehen wollte, sprach er mich an und meinte, dass sich so mancher Camper ein Beispiel an mir nehmen könne. Als ich lachend fragte, was ich denn richtig gemacht hätte, entgegnete er, dass ich meine Kassette NICHT am Frischwasseranschluss gespült hätte. Cooles Smiley

Und hier am Stellplatz merkte ich dann, dass sich doch etwas verändert hatte in Brüggen. Dort, wo es früher nur einen Aldi gegeben hatte, gibt es jetzt gegenüber zusätzlich einen großen Rewe-Markt und 200 Meter weiter sogar ein kleines Einkaufszentrum mit Lidl, Dänischem Bettenlager, Rossmann, einem Odlo-Outlet, Fressnapf, einer Imbissstube, einem Bäcker. Ich konnte meinen gesamten Einkaufszettel abarbeiten und brauchte mir keine Sorgen zu machen, an den drei Weihnachtssonn/feiertagen zu verhungern. Smiley mit geöffnetem Mund

Meine Erkundungs- und Nostalgiegänge durch den Ort waren übrigens mit sehr gemischten Gefühlen verbunden. Sooo viele Erinnerungen, die gleichzeitig glücklich und traurig machten. In der englischen Sprache gibt es den dafür passenden Begriff bittersweet.

Brüggen zu Weihnachten 2017

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

8 Kommentare zu “Weihnachten in Brüggen

  1. Danke für den schönen Bericht mit Nostalgie und vielen Erinnerungen, liebe Ingrid.
    Brüggen und den Stellplatz kenne ich gut von einigen Besuchen. Besonders gut und ruhig empfand ich das Radfahren in der Gegend.
    Schade, dass kein Foto vom „Ei mit Lloyd“ überliefert ist.
    Alles Liebe
    Wulwi

    • Lieber Wulwi!
      Ja, Rad fahren kann man dort wirklich sehr gut! Allerdings macht es im Frühjahr, Sommer, Herbst mehr Spaß, sodass mein Fahrrad auf dem Träger blieb. Wenn ich in Lauterburg schon gewusst hätte, dass ich diesen Beitrag schreiben würde, hätte ich ein Foto herausgekramt. Die liegen aber leider in meinem Hänger! Ich kann es ja mal nachreichen!!!
      Liebe Grüße zurück!

  2. Wieder mal ein wunderschöner Bericht, Ingrid
    Ich lese Dich/Euch ja regelmäßig.

    Tja … da war ich dann gar nicht sooo weit wech von Dir.
    Am Heiligen Abend startete ich von Saarbrücken aus meine „Große Hafenrundfahrt“: Boulogne sur Mer – Calais – Dünkirchen – Oostende – Rotterdam (Hoek van Holland) – Zandvoort – den Jahreswechsel auf einem hübschen Stellplatz am Hafen in Lauwersoog – Bremerhaven – Büsum – Husum . Dagebüll und dann mehr oder weniger in einem Rutsch wieder zurück nach Hause, mit meiner alten „Gurke“
    Morgens aufwachen und aufs Meer schauen … das hat was 😉 … da schrecken mich nicht mal Sturm und Regen.
    Es waren erstaunlich viele „herbstblonde“ Menschen mit zumeist (im starken Gegensatz zu meinem ollen Hymer) fast neuwertigen und blank geputzten Mobilen unterwegs. Häufig war es sogar recht schwierig noch einen Stellplatz zu ergattern. Ich hab dann aus der Not eine Tugend gemacht und mich, wie zu meinen mobilen Anfangszeiten, unter Verzicht auf Versorgungseinrichtungen und dergleichen, abseits vom Trubel frei hingestellt. Wahrscheinlich hatte ich dadurch auch den „aufregenderen“ Blick aus dem Fenster.

    Mein „Virus“ erwischte mich etwas später, als Dich. Als „End-Teen“ mit nem Dachzelt auf einem R4. Damals hätte ich viel um den Komfort von festen Wänden um mich herum gegeben … und seien sie auch so klein wie Dein so herrlich beschriebenes „Ei“.
    Bis ins biblische Alter von Mitte vierzig konnte ich mir leider kein eigenes Mobil leisten war jedoch öfter mal mit von Freunden geliehenen, selbst ausgebauten Bullis unterwegs. Stationär mit Zelt auf nem Campingplatz war mir schon immer ein Greuel. Ich muß wissen, was hinter der nächsten Kurve kommt ;-). Auch als später mit einem Freund zusammen einen gemeinsamen Caravan hatte, wurde der wie ein WoMo „benutzt“, Bretagne rauf und runter und sogar bis zum Nordkapp.

    Ich wünsche Euch auch in Zukunft noch viele schöne Touren in Eurem rollenden Zuhause.
    Gruß
    Wolfgang

    • Lieber Wolfgang!
      Freut mich sehr, dass dir meine Geschichte gefallen und dich sogar zu einem so langen Kommentar animiert hat! 😊
      Du machst eine „Große Hafenrundfahrt“ mit 6 Stationen in einer Woche??? Dein Hymer ist doch kein Kreuzfahrtschiff! Oder fährt er nachts alleine während du schläfst? Das können die blankgeputzten teuren Mobile auf jeden Fall nicht! 😀
      Danke für deine guten Wünsche und liebe Grüße zurück!!!

      P. S.: Mein erstes Wohnmobil konnte ich mir auch erst mit Ende vierzig leisten und habe mich damals schweren Herzens von dem kleinen Wohnwagen getrennt. Er durfte dort auf dem Campingplatz stehenbleiben und hat hoffentlich noch viele weitere Jahre gelebt. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. 💔

      • na ja … ganz so „schlimm“ war es dann doch nicht 😀 … Ich war gute zwei Wochen unterwegs.
        Da ich nun leider nicht so gut zu Fuß bin … habe ich meine Mobilität auf vier bzw. sechs Räder „verlagert“. Aber ich war ja eigentlich schon immer ein „Kilometerfresser“ ;-). Man sieht ja auch mehr als mit dem PKW … Leitplanken oder ähnliches sind ja mit dem WoMo keine Sichtbarriere mehr ;-).
        Jetzt ist wieder „Schrauben“ angesagt. Zweieinhalbtausend Kilometer auf schlechten Straßen haben bei meinem Beinahe-Oldtimer schon einiges losgerüttelt. Da merkt man eben, daß es kein PKW, sondern im Prinzip ein LKW ist.
        Basteln ist allerdings auch ein Hobby von mir und bei WoMo oder Boot gilt ja: ‚Irgendwas ist immer.‘ 😉

      • Alles gut, Wolfgang – jeder Mensch/Mobilist ist anders! ICH fahre nicht gerne am nächsten Tag weiter, wenn ich erst nachmittags irgendwo angekommen bin, sondern schaue mir erst in Ruhe alles an.
        Dann wünsche ich dir viel Vergnügen und Erfolg beim „Basteln“! 😊

Wir freuen uns über Ihren Kommentar! :-) HINWEIS: Wenn Sie hier kommentieren, wird Ihre gehashte (= verschlüsselte und für den Empfänger nicht reproduzierbare eMail-Adresse) und die IP-Adresse an Auttomatic geschickt, damit ggbf. Ihr Gravatar (persönliches Avatar-Bild) angezeigt werden kann. WordPress.com ist ein Hosting-Service der Automattic Inc., dem Unternehmen des WordPress-Gründers Matt Mullenweg. Die Angabe Ihrer eMail-Adresse ist keine Voraussetzung zur Abgabe eines Kommentars! Wenn Sie mit diesen Bedingungen nicht einverstanden sind, sollten Sie auf die Abgabe eines Kommentars verzichten. :-(

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.