Schuhe, nichts als Schuhe

 

Den ganzen letzten Winter und den ganzen Sommer hatte ich es vermieden, ein bestimmtes Fach im Zwischenboden zu öffnen. Dort lagerten Schuhe, die ich nur selten trage. Jetzt aber brauchte ich meine Wanderschuhe und nachdem ich sie in der Heckgarage nicht fand, war klar, dass sie in besagtem Fach sein würden. Allerdings in welchem Zustand, war nicht klar! Stichwort Mäuse!!! Im Frühsommer hatte ich die Heckgarage gesäubert, ausgemistet und umgeräumt und dabei ein paar weitere Mausespätfolgen entdeckt. Zum einen die Dose, in der immer Hundeleckerli für Nachbar- und Besuchshunde sind bzw. waren. Mäuse haben offenbar viel Hunger, viel Zeit und viel Geduld…

HundeleckerlidoseHundeleckerlidoseHundeleckerlidose

Wem die ganze Mäusestory entgangen ist oder wer sich noch einmal amüsieren möchte, einfach „hier“ klicken. Smiley mit geöffnetem Mund

Zum anderen fand ich ein weiteres Paar Schuhe, in denen Wintervorräte angelegt worden waren! Die Schuhe waren zum Glück verschont geblieben.

WintervorräteWintervorräteWintervorräte

Meine Befürchtung war, dass die Mäuse durch das Tunnelsystem im Doppelboden auch den Zugang zum Schuhfach gefunden hatten und irgendwie wollte ich das gar nicht wissen. Aber nun musste es wohl sein und schon der erste Taschenlampenstrahl bestätigte mein unbehagliches Gefühl! Einen angenagten Schuh nach dem anderen beförderte ich mit spitzen Fingern ans Tageslicht und durch die offene Tür gleich ins Freie. Bei dem einen Paar waren beide Schuhe beschädigt, bei dem anderen nur ein Schuh und der andere war unversehrt. Das nützte mir aber auch nichts! Ein Schuh war randvoll gefüllt mit Grünkern, den ich auf der anderen Seite des Mobils im Außenstaufach gelagert hatte, in seiner Originalverpackung und nicht in einer Plastikdose. Von insgesamt sieben Paar Schuhen waren nur zwei Paar komplett verschont geblieben, ein Paar Gummistiefel und meine Wanderschuhe! An denen waren nur die Schnürsenkel angeknabbert. Trauriges Smiley

SchuhschädenSchuhschädenSchuhschädenSchuhschäden

Jetzt hatte ich ein fast leeres Fach. Was tun? Neue Schuhe kaufen oder es mit anderen Dingen füllen? Ich freute mich, dass die Wanderschuhe noch tragbar waren. Die besaß ich zwar schon ca. 15 Jahre und hatte sie nicht sehr oft getragen, aber in ihnen hatte ich immer gut auch längere Strecken laufen können. Ich probierte meine Orthese in ihnen, merkte aber sofort, dass das nicht funktionieren würde.

Am nächsten Tag wollten wir mal wieder um den Weißensee laufen, knapp 7km. Es war sehr sonnig und noch richtig warm. Ich wollte den weniger schönen Teil der Strecke, auf Schotter und an der Straße entlang, zu Beginn laufen und dann, quasi als Belohnung, direkt am See entlang über Stock und Stein im Schatten durch den Wald zurück. Uschi war einverstanden. Der Schotterweg zog sich, die Sonne brannte, das Laufen ohne Orthese war, sagen wir mal, mühsam. Nach einer halben Stunde waren wir am Ende des Sees angekommen, auf der einzigen Bank saßen schon Leute, aber ich brauchte dringend etwas zu trinken. Die nächsten Bänke würden erst im Wald kommen und bis dahin war es noch ein ganzes Stück die Straße zum Parkplatz entlang. Und erfahrungsgemäß waren die ersten Bänke auch immer voll. Also steuerte ich auf das Geländer der kleinen Brücke über dem Bachzulauf zum See zu. Wenigstens anlehnen und eine kleine Pause einlegen! Bei den letzten Schritten merkte ich, dass an meinem rechten Schuh irgendetwas anders war. Ein prüfender Blick ergab, dass sich die Sohle fast vollständig gelöst hatte! Darunter waren nur noch Brösel und Hohlräume! So konnte ich unmöglich weitergehen. Am linken Schuh war es noch nicht ganz so schlimm, aber das hätte auch nicht mehr lange gedauert. Uschi nahm die Autoschlüssel und ging den gleichen Weg wieder zurück. Ich setzte mich auf eine Wiese neben der Straße und wartete eine gute halbe Stunde, bis sie mich aufsammelte. Das war es dann mit der Weißensee-Umrundung! Eine halbe Stunde Schotterweg und keine (Wald-) Belohnung! Die wollten wir uns dann in Form von Kaffee und Kuchen in unserem Stellplatzlokal holen, aber die Idee hatten viele andere Menschen auch, es war alles voll, zumindest draußen. Drinnen sitzen wollten wir nicht und auf die Idee, uns einfach Kuchen mitzunehmen, kamen wir nicht!

Am Tegelberg hatte ich meine MBT-Schuhe angehabt, die mit der Orthese gut kooperierten, aber durch ihre runden Sohlen nicht perfekt geeignet sind für unwegsames Gelände bergab. Außerdem zeigten sich bereits einige Abnutzungsspuren an den Seiten der Sohlen (!). Ich würde mir wohl neue Wanderschuhe kaufen müssen. Da ich mich von den ansonsten noch guten MBT-Schuhen aber noch nicht trennen wollte, suchte ich im Netz nach einem Schuhmacher und entschied mich für einen mit dem für einen Schuster lustigen Namen Kleber. Er sollte sich in der Nähe unseres Lieblingscafés befinden, ca. 10km vom Stellplatz entfernt. Also zwei Fliegen mit einer Klappe! Zwinkerndes Smiley An der angegebenen Adresse war kein Schuhmacher zu finden. Ich fragte eine junge Frau mit Kinderwagen, der sagte der Name Kleber tatsächlich etwas und sie beschrieb uns genauestens den Weg in den Nachbarort. Dort sollten wir noch einmal fragen. Ja, da vorne das Haus mit den Solarplatten, sagte der Bauer im offenen Stall. Ich fuhr in die Einfahrt. Kein Hinweis auf eine Schuhmacherwerkstatt. Ich klingelte und fragte nach dem Schuhmacher Kleber. Ja, da fahren Sie zu meiner Hofeinfahrt wieder hinaus und in die nächste hinein, bekam ich freundlich zu hören. In der nächsten Einfahrt ebenfalls kein Schild. Aber auf einer Bank in einem winzigen Gemüsegärtchen saß ein alter Mann, sicher weit über 80! Ich suche den Schuhmacher Kleber? Ja, das sei er! Vorsichtig fragte ich, ob er noch aktiv sei? Gelegentlich, war die Antwort. Ob er sich wohl meine Schuhe ansehen würde? Ja, das wollte er, aber als er sie in Augenschein nahm, war sein Urteil, das würde wohl nichts mehr. Aber irgendwie war sein Ehrgeiz wohl doch geweckt worden und wir einigten uns darauf, dass er es versuchen wolle. Aber sicher wäre er sich nicht und er würde auch keine Garantie übernehmen. Ich fragte, was es denn wohl voraussichtlich kosten würde, denn allzu viel wollte ich natürlich bei solchen vagen Aussagen nicht mehr investieren. Zehn Mark, war die Antwort und es war klar, dass er sich nicht versprochen hatte. Okay, es dürften auch 15 werden, sagte ich, die Begriffe Euro und Mark vermeidend. Wann ich denn wieder vorbeikommen könne? Egal, er sei immer da, nur am nächsten Wochenende nicht. Ich könne morgen kommen. Nein, nein, so eilig sei es nicht, er solle sich ruhig Zeit lassen, ich käme dann Anfang der nächsten Woche.

Am nächsten Dienstag fand ich ihn im Haus in seiner winzigen Werkstatt. Mit dem Öffnen der Tür war ich in einer anderen Welt! Dieser Raum hatte sich in den letzten mindestens 60 Jahren wohl kaum verändert. Herr Kleber saß auf seinem Arbeitshocker und nagelte einen Absatz an einen abgelatschten Schuh. Meine Schuhe standen fertig auf dem Boden und sahen recht gut aus. Das würde aber nicht lange halten, erfuhr ich. Aber das haben Sie doch gut hingekriegt, warf ich ein. Nein, das wird nichts mehr, erwiderte er. Er hatte zwar innen noch ausgefüttert, aber an einen dauerhaften Erfolg glaubte er trotzdem offenbar nicht. Mir gefiel es in dieser Werkstatt und mich berührte dieser alte Mann auf eigentümliche Art. Ich setzte mich unaufgefordert neben ihn auf einen gepolsterten Hocker und fragte, ob ich ein Foto von ihm vor seiner Werkbank machen dürfte. Ach nein, kein Foto von ihm. Aber von seiner Werkbank und den anderen alten Sachen? Ja, das durfte ich.

SchuhmacherwerkstattSchuhmacherwerkstattSchuhmacherwerkstattSchuhmacherwerkstattSchuhmacherwerkstattSchuhmacherwerkstattSchuhmacherwerkstatt

Wie lange er denn schon hier arbeiten würde? Die Frage verstand er falsch und meinte, dass er immer dann arbeitet, wenn ihm jemand etwas gebracht habe. Und zeigte mir mit spürbarem Missfallen, was die Menschen ihm so vorbeibrachten und offenbar konnte er da genauso wenig nein sagen wie bei mir. Ich stellte meine Frage anders noch einmal. 1938 habe er die Lehre angefangen, erfuhr ich jetzt. Ob es ihm denn immer noch Spaß mache? Na ja, was heißt Spaß, es vertreibe eben die Langeweile. Ich wollte dann wissen, was ich ihm schuldig sei. Nichts, war die Antwort. Das ging natürlich gar nicht, ich sagte, dass er ja schließlich Zeit und Kleber Laut lachen aufgewendet habe und hielt ihm einen 20-Euro-Schein hin. Umständlich kramte er ein winziges Portemonnaie aus seiner Hosentasche und fingerte einen 10-Euro-Schein heraus. Dann wollte er noch einmal hineingreifen, aber ich protestierte vehement. Na, er hätte mir eigentlich noch einen 5-Mark-Schein geben wollen, hörte ich. Nein, den wollte ich nicht! Nicht nur diese Werkstatt, sondern offensichtlich auch die Preise waren ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert. Ich verabschiedete mich, bedankte mich noch einmal und wünschte ihm alles Gute! Und fuhr mit einem sehr umfangreichen Gefühlsspektrum und meinen reparierten Schuhen nach Hause.

Passend zum Thema gehen liebe Grüße nach Bochum-Eppendorf!!! Herz

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

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