Neue Schuhe und der Wasserfallweg

 

Wir fuhren nach Oberstdorf und kauften mir neue Wanderschuhe. Uschi hatte bei ihrem Aufenthalt Anfang September dort ein Schuhgeschäft entdeckt mit einer riesigen Auswahl und netten und vor allem fachkundigen Verkäuferinnen. Als Alternative zur immer sehr befahrenen B19 gibt es ab Sonthofen eine Bergstrecke, die oberhalb von Fischen verläuft. Nicht nur, dass es sich hier viel schöner fährt, man kommt auch durch Reichenbach und dort gibt es das Moorschwimmbad mit dem netten Moorstüble. In früheren Jahren sind wir einige Male von Oberstdorf aus dorthin gewandert und jetzt waren sowohl ich als auch Uschi schon separat dort gewesen, Uschi zu Fuß, ich mit Flitzi. Bevor für den Winter geschlossen wird, wollten wir noch einmal gemeinsam hin. Es gibt nämlich sehr leckeren selbstgebackenen Kuchen, einen schönen Kaffeegarten, natürlich eine tolle Aussicht und eine hübsche Damentoilette. Smiley

Am Moorschwimmbad ReichenbachAm Moorschwimmbad ReichenbachMoorschwimmbad ReichenbachMoorstüble

Gestärkt fuhren wir dann nach Oberstdorf rein und gingen zu besagtem Schuhgeschäft. Meine Orthese hatte ich dabei und ich war gespannt, ob ich ein paar Schuhe finden würde, in denen ich mit ihr würde laufen können. Kurzfassung: Ich schilderte der Verkäuferin mein Problem, sie griff nach einem Paar halbhoher Wanderschuhe, ich probierte sie an, lief ein paar Runden durch den Laden, ließ sie gleich an, bezahlte und ging! So schnell habe ich sicher noch nie Schuhe gekauft!!! Erstauntes Smiley Und bis heute kann ich wirklich gut in ihnen laufen!

Wanderschuhe mit Orthese

Die erste echte Erprobung gab es bei einem nochmaligen Alpspitzbesuch. Diesmal fuhr auch Uschi per Sessellift mit hoch, wir tranken etwas im Biergartenbereich des Sportheimes Böck, genossen, wohl zum letzten Mal in diesem Jahr, die Sonne und die Aussicht

Sportheim BöckAussicht

und liefen dann bergab. Den oberen Eingang zum Wasserfallweg nahmen wir noch nicht, sondern gingen erst noch eine Weile die Teerstraße hinunter. Und dann kamen viele, viele Treppenstufen! Teils aus dem Gelände herausgehauen unter Einbeziehung der Baumwurzeln, teils in Form von meterlangen Stahlkonstruktionen. Die waren in Steg- und in Treppenform überall dort, wo der Berg zu steil war. Irgendwann stießen wir auch auf einen Wasserlauf, der aber fast ausgetrocknet war. Mehrere Fallstufen gab es auch und im Frühjahr nach der Schneeschmelze ist es bestimmt ein Schauspiel, den stürzenden Wassermassen zuzuschauen. Jetzt stürzte nichts, trotzdem hat dieser Weg seinen Reiz.

WasserfallwegWasserfallwegWasserfallweg

WasserfallwegUnterwegs überholten wir zwei Frauen, die sich etwas eigenartig im Zeitlupentempo bewegten. Die ältere stützte sich auf die Schultern der vor ihr gehenden jüngeren Frau. Die hatte einen Stock in der Hand. Wir grüßten und gingen vorbei. Eine ganze Weile später und mehrere Höhenmeter tiefer standen, offensichtlich wartend, ein junger Mann und ein ca. 12-jähriges Mädchen am Fuße einer ewig langen Treppe.

Wir fragten, ob sie eventuell auf die beiden Frauen warteten, das würde dann aber noch eine Weile dauern. Ja, das seien seine Frau und seine blinde Schwiegermutter! Oha! Wir hatten es fast vermutet, dass die ältere Frau mindestens sehbehindert sein würde, aber daran geglaubt hatten wir nicht, denn wer mutet sich solch eine Strecke zu, sowohl als Blinder als auch als Begleitung??? Wir waren ja schon nicht allzu schnell unterwegs, weil man auf jeden Schritt achten musste. Und bei den Treppen hatte man zwar ein Geländer, aber die Treppenstufen waren nicht immer alle gleich hoch oder gingen immer wieder mal in Gitterwege über. Wenn die beiden auf die Art, die wir beobachtet hatten, weiterlaufen würden (und anders ging es fast nicht), würden sie Stunden brauchen! Wer denn auf diese Idee gekommen wäre, fragte ich den Mann. Spürbar genervt antwortete er, dass die zwei völlig verrückt seien und sich alles zutrauen würden. Seine Frau habe auch noch Höhenangst. Wir schauten gemeinsam auf die lange Treppe am Berg und er beschloss, noch einmal hinaufzulaufen und nach den Frauen zu sehen. Die Tochter sollte unten warten.

Wir hatten es dann bald geschafft. Die Tour war für mich machbar gewesen und die Schuhe hatten mir zum Glück keine Schwierigkeiten bereitet. Am Ende des Wanderweges, kurz vor dem Parkplatz, kehrten wir noch in einem Gartenlokal ein und belohnten uns mit Kaiserschmarrn und Kaffee. Wir saßen eine gute Stunde dort und während der gesamten Zeit war von den beiden Frauen, dem Mann und dem Kind nichts zu sehen. Wir hätten gerne gewusst, wie und wann sie unten angekommen sind!

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

6 Kommentare zu “Neue Schuhe und der Wasserfallweg

  1. Hallo ihr beiden ♥

    Ich lese immer fleissig Eure neuen Beiträge mit Begeisterung! Doch leider fehlt mir meist die Zeit zu kommentieren :/

    Heute – obwohl kalt und kalte Füsse hab‘ ich schon – will ich es endlich mal in Angriff nehmen und mich mal wieder melden!

    Ganz liebe Grüsse an Euch und macht weiter so ♥ Macht Spaß zu Lesen ♥
    belle

  2. Es sieht für die Betrachter manchmal schlimmer aus als es tatsächlich ist wenn eine blinde oder sehbehinderte Person auf schwierigem Gelände ‚geführt‘ wird …. allerdings ist es schon richtig, dass das ständige Konzentration, Kommunikation und sehr viel Vertrauen (auf Seiten der geführten Person) erfordert. Deswegen sieht man es nicht so häufig, weil es Übung braucht. Da sind manche der Behinderten einfach zu zögerlich oder sie haben keine Begleitperson der sie genug vertrauen.

    Die Reaktion des beschriebenen Mannes deutet auf ein schwieriges Verhältnis zu seiner Schwiegermutter hin – und auf ein mangelndes Problembewußtsein, denn es ist bestimmt nicht Fürsorge, die aus dem geschilderten Dialog hervor geht.

    Man stelle sich vor, was einer behinderten Person ‚entgeht‘, wenn sie eine solche Tour nicht machen darf weil es möglicherweise etwas langsamer geht und dieses *Tandem* für Eilige ein Hindernis darstellt. Die Welt von sehgeschädigten & blinden Menschen ist sowieso schon kleiner, begrenzter als die von Normalsichtigen – warum also ohne Not weiter einschränken anstatt den Mut zur Tat zu bewundern?

    Nachtrag → https://www.youtube.com/watch?v=sl13Brwtyjc

    • Ich glaube, kein Nichtbetroffener kann sich auch nur annähernd vorstellen, was es bedeutet, blind oder taub oder querschnittgelähmt oder … zu sein. Und über die mit egal welcher „Behinderung“ verbundenen Defizite kann man nur spekulieren und sich fragen, wie man wohl selbst damit umgehen würde. Sicher, ohne darauf eine wirkliche Antwort zu finden. Es bleibt uns, Betroffenheit zu verspüren oder Hochachtung oder evtl. auch kopfschüttelndes Unverständnis. Aber mehr haben wir Nichtbetroffenen damit in der Regel nicht zu tun. Anders sieht das sicher bei den Mitbetroffenen, also den im nahen Umfeld beteiligten Partnern, Kindern, Eltern, Geschwistern, Freunden … aus. Die haben den Spagat zwischen Verantwortung, Fürsorge und Eigeninteressen zu meistern und da gibt es sicherlich sehr viele Konflikte. Das ist ein Thema, über das sich bestimmt lange, intensiv und kontrovers diskutieren und philosophieren ließe und lässt, aber dafür ist hier sicher nicht der richtige Ort, auch nicht der geeignete. Danke aber noch für deinen Link! Ich möchte noch einen weiteren anfügen, der noch deutlicher als das Video macht, was „solche“ Menschen antreibt (das von dir verlinkte Video ist dort auch enthalten). Es regt auf jeden Fall zum Nachdenken an und gibt uns Nichtbetroffenen die Möglichkeit einer anderen Sichtweise.

      https://www.wirsehnunsunterwegs.de/unterwegs/blind-auf-dem-galdhopiggen/

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