Corona-Notlage(r)

 
 
Ich bin #mĂŒtend. đŸ˜žđŸ˜€

An manchen Tagen ĂŒberwiegt die MĂŒdigkeit, die Hoffnungslosigkeit und alles ist nur mĂŒhsam und mein Energielevel ist kurz vor Reserve. Es soweit wieder aufzuladen, dass ich wenigstens die notwendigen AlltagsgeschĂ€fte erledigen kann, ist nicht jeden Tag einfach. Manchmal gelingt es auch gar nicht. Das sind dann die Tage, an denen ich erst nach 15 Uhr aus dem Bett finde und mich trotzdem bleischwer fĂŒhle und nur im Zeitlupentempo funktioniere. Und froh bin, wenn ich NICHTS muss und dass NIEMAND etwas von mir will.

Am 29. April war ich genau 6 Monate hier, pandemiemĂ€ĂŸig gestrandet auf einem kleinen Stellplatz in einem netten StĂ€dtchen in Bayern, freundlicherweise geduldet, sowohl vom Stellplatzchef als auch vom Leiter des Ordnungsamtes. Ich mache mir keine Illusionen darĂŒber, dass das einzig und allein deswegen so ist, weil ich hier bezahle. MitgefĂŒhl hat, Gedanken ĂŒber meine Situation macht sich niemand. Dass ich die Aufenthaltsgenehmigung als „HĂ€rtefall“ vom Ordnungsamt bekam, habe ich nach der anfĂ€nglichen Ablehnung durch persönliches Erscheinen erkĂ€mpft, eine MietpreisermĂ€ĂŸigung wegen wochenlangem BaulĂ€rm auf dem Stellplatz wurde vom stellvertretenden Badleiter abgelehnt mit der Aussage, ich könne mich ja weiter nach hinten stellen. Weiter hinten ist die vielbefahrene Straße! Das sind die GrĂŒnde dafĂŒr, dass an manchen Tagen die Wut die MĂŒdigkeit ĂŒberlagert. Insbesondere dann, wenn neben meinem Wohnzimmerfenster wieder ein orangefarbener Transporter der Baufirma steht und mir die Sicht nimmt.

Transporter

An einem Donnerstag war es wieder so weit und abends klemmte ich einen Zettel unter den Scheibenwischer mit der freundlichen Bitte, das Fahrzeug nicht das ganze Wochenende so stehen zu lassen, ich hĂ€tte gerne eine Aussicht, auf die Zufahrt und ĂŒberhaupt. Am nĂ€chsten Morgen wurde ich kurz nach sieben durch TĂŒren schlagen und MotorengerĂ€usch geweckt. Der Fahrer gab einmal richtig Vollgas, direkt neben meinem Bett und parkte sein Fahrzeug dann einen Platz weiter wieder ein, erneutes TĂŒrenschlagen inklusive.

Ich bin #…ĂŒtend. đŸ˜€

Ich frage mich oft, in was fĂŒr einer Welt ich lebe. Anteilnahme, SolidaritĂ€t, MitgefĂŒhl, Freundlichkeit, FĂŒrsorge – das alles scheint nicht mehr NormalitĂ€t, sondern zur RaritĂ€t geworden zu sein. Alte Menschen habe ich im Laufe meines Lebens schon oft sagen höre, dass „frĂŒher“ alles besser war und ich habe es belĂ€chelt. Jetzt bin ich selbst alt und sage es auch.

Seit dem 2. November 2020 ist ĂŒber Deutschland ein Beherbergungsverbot verhĂ€ngt. Deswegen stehe ich seitdem hier. Beherbergungsverbot bedeutet, dass alle Beherbergungsbetriebe und -orte geschlossen sein mĂŒssen und nicht fĂŒr Übernachtungen genutzt werden dĂŒrfen. Das gilt nicht nur fĂŒr Hotels, Pensionen, private Zimmervermietungen, Camping- und StellplĂ€tze, sondern auch fĂŒr nicht bewirtschaftete, kostenfreie StellplĂ€tze sowie Wald-, Wander- und sonstige PlĂ€tze und sogar fĂŒr Privatgrund. Jegliche Beherbergung ist einfach verboten! Siehe „hier“. Im privaten Raum wird das durch die KontaktbeschrĂ€nkungen zu regeln versucht und durch die ernstgemeinte Aufforderung seitens der Regierung, touristische Reisen und nicht zwingend notwendige Familienbesuche zu unterlassen und jetzt auch durch die nĂ€chtlichen Ausgangssperren. Das freie Stehen mit Wohnmobil ist in den meisten LĂ€ndern sowieso nicht erlaubt, in Deutschland wird es geduldet zur Wiedererlangung der FahrtĂŒchtigkeit fĂŒr maximal 10 Stunden ab Ankunft, Campingverhalten (StĂŒhle und Tisch draußen, ausgefahrene Markise) ist untersagt. In Spanien gilt schon ein offenes (Dach-)Fenster und die ausgefahrene Trittstufe als Beweis fĂŒr Camping. Wenn man, wie derzeit, aber nicht reisen SOLL, entfĂ€llt diese Duldung auch. Trotzdem herrscht in Deutschland schon wieder eine rege ReisetĂ€tigkeit, ich höre es von verschiedenen Seiten und ich sehe die Wohnmobile, die wĂ€hrend der Woche und besonders am Wochenende die VE-Station hier anfahren. Das Motto in unserer Gesellschaft wird anscheinend immer mehr zu: „Ich mache, was möglich ist. Ob es erlaubt ist oder nicht, interessiert mich nicht. Machen alle anderen ja auch so und warum soll ich denn der Dumme sein? Wird schon gut gehen! Und wenn nicht, mein Gott, dann bezahl ich eben die paar Kröten, dafĂŒr hatte ich dann aber wenigstens meinen Spaß. Wenn die anderen sich nicht trauen, sind sie selbst Schuld.“ Unrechtsbewusstsein? Ist nicht mehr „in“. SolidaritĂ€t? Was ist das? Habe ich da was von? Nur Nachteile? Nee, dann ohne mich!

An dieser Textstelle klopfte es an mein Fenster und ein freundlich lĂ€chelndes Paar um die Sechzig fragte, ob der Platz geschlossen sei und warum ich denn „so einfach“ hier herumstehen wĂŒrde. Ich war ja gerade gut im Thema, aber auf alles, was ich fragte und anmerkte und kritisierte, bekam ich lediglich ein mildes LĂ€cheln und ein „ach, das geht schon“ und „die Menschheit war wohl schon immer egoistisch, sonst wĂ€re sie nicht so weit gekommen“. Man habe die Tochter in Ulm besucht. Ich habe nicht gefragt, ob sie alleinlebend oder alleinerziehend ist. Man wĂŒnschte mir freundlich lĂ€chelnd alles Gute und ging absolut gelassen zurĂŒck zum Van. Im Grunde hatte ich ja noch GlĂŒck mit dieser Begegnung, die Regel ist es nĂ€mlich heutzutage, dass Menschen, die auf ein Fehlverhalten hingewiesen werden, nicht nachdenken, sondern sofort aggressiv reagieren. Habe ich hier auch schon erlebt.

Ich bin #mĂŒtend. đŸ˜žđŸ˜€

Was ist denn bloß los mit den Menschen??? Ist man nicht mehr in der Lage, die GrĂŒnde, die fĂŒr das Erlassen von Gesetzen und Verboten maßgeblich sind, zu erkennen und dann SELBSTVERSTÄNDLICH die Verbote einzuhalten? Alle gemeinsam? Der aktuelle, leider schon ĂŒber ein Jahr dauernde Grund ist dieses Virus. Warum schaffen es so viele Menschen NICHT, trotz der inzwischen millionenfachen TodesfĂ€lle weltweit, die Bedrohung ernst zu nehmen? Weil man sich nicht mehr einschrĂ€nken kann? Weil in unserer Konsumwelt alles sofort möglich ist? Weil wir Frustration und Verzicht nicht mehr gewöhnt sind? Weil Anteilnahme, SolidaritĂ€t, MitgefĂŒhl… siehe oben… WIRKLICH nicht mehr gelebt werden? Im Fernsehen wird gezeigt, dass alle Parks, Promenaden etc. voller Menschen sind, so wie vor Corona. Die Bauarbeiter hier trinken ihr Feierabendbier eineinhalb Stunden lang zu neunt um eine Holzkiste dicht nebeneinander stehend, natĂŒrlich ohne Masken, man ist ja draußen. Sie sind aus zwei Firmen und arbeiten in einer dritten, sind aber doch alles Kollegen. In der Firma, bei der ich meine Gasflasche tausche, scheint weder Homeoffice noch Maskenpflicht durchgesetzt zu werden. Ich habe mit fassungslosem Erstaunen zur Kenntnis genommen, wer in meinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis sich mehr oder weniger hĂ€ufig und mehr oder weniger bewusst NICHT an die Regeln hĂ€lt. Es befremdet mich, im Wortsinne.

Ich bin #mĂŒ… 😞

Der sehr verstörende, tödliche, Existenzen vernichtende und Angst machende Ausbruch einer Virus-Pandemie scheint im allgemeinen VerstĂ€ndnis der Menschen die persönliche Schuld von irgendjemandem zu sein oder die Strafe der Götter, manche Querdenker haben sich eine oder mehrere konkrete Personen ausgesucht, niemand aber scheint sich Gedanken darĂŒber zu machen, welchen Anteil er selbst mit seiner Lebensweise daran hat. Was begĂŒnstigt denn eigentlich Zoonosen?

Um Kommentaren vorzubeugen möchte ich ganz deutlich sagen, dass mir durchaus klar ist, dass bei allen AußenaktivitĂ€ten die Ansteckungsgefahr reduziert bis nicht vorhanden ist (siehe meinen Ostereintrag) und dass das Wohnmobil fahren als solches keine Gefahr darstellt. Ich weiß auch, dass nicht nur ich #mĂŒtend bin, weil die BeschlĂŒsse unserer Bundesregierung nicht alle gut durchdacht und nach mehr als einem Jahr wenig vielfĂ€ltig sind. Ich wĂŒrde auch gerne langsam mal wieder woanders hinfahren! Meine persönlichen Kontakte beschrĂ€nken sich seit 6 Monaten auf die paar Worte mit VerkĂ€ufer*innen, Kassierer*innen und dem GĂ€rtner ĂŒber den Zaun alle zwei Wochen. Alles andere findet am Telefon statt, per eMail und SMS. Seit 6 Monaten!!! Nein, das ist nicht schön! Und – ganz ehrlich – inzwischen mache ich das nicht mehr, um andere zu schĂŒtzen, sondern nur noch, um mich selbst zu schĂŒtzen. Wenn das alle so machen wĂŒrden, zumindest alle, denen das möglich ist, wĂ€re das eine Form von Egoismus, die etwas Positives bewirkt. Der Egoismus, der in der Welt vorherrscht, tut das leider nicht.

Ich bin #mĂŒtend đŸ˜žđŸ˜€

BaustelleBaustelleBaustelleBaustelleBaustelleBaustelle

Aktuelles Beispiel:
Neben mir steht ein Weinsberg Pepper, alle Fenster blickdicht verschlossen. Irgendwann kommt eine Frau um die Sechzig auf ihrem Fahrrad angefahren und wenig spĂ€ter klopft sie bei mir. Ob man hier Strom anschließen könne? Ich mache sie darauf aufmerksam, dass der Platz geschlossen ist. Ja, das weiß sie, aber in NĂŒrnberg und in ? war das auch kein Problem. Beherbergungsverbot? Das weiß sie auch, aber in NĂŒrnberg… Sie besucht hier eine Freundin und sie weiß auch noch gar nicht, ob sie heute Nacht in ihrem Wohnmobil schlĂ€ft oder bei ihrer Freundin. ICH FASSE ES NICHT!!! Im Schaukasten hĂ€ngt ein Hinweis, dass der Platz pandemiebedingt geschlossen ist, um den Schaukasten ist das Absperrband gezogen. Was braucht es denn noch? Man entfernt einfach das Band und fĂ€hrt auf den Platz, man ignoriert, dass touristische Reisen unterbleiben sollen, man lĂ€sst sich von einer Freundin abholen und bleibt u. U. die Nacht dort. Wie dumm oder ignorant kann man denn sein, dass man nach ĂŒber einem Jahr immer noch nicht verstanden hat, wie Ansteckung funktioniert???
Vor ein paar Wochen demonstrierte ein Familienvater seinen ca. 14- und 8-jÀhrigen Söhnen, wie man mit Verboten und gesperrten PlÀtzen umgeht, nÀmlich genauso. Das alles macht mich soooo

#…ĂŒtend. đŸ˜€ đŸ˜€ đŸ˜€

aktuell

Der Stellplatz- bzw. Badleiter behauptet, dass sie tĂ€glich kontrollieren und die Wohnmobile dann auch wegschicken, außer natĂŒrlich am Wochenende (natĂŒrlich?). Die Polizei interessiert das alles gar nicht. Eines Abends kam ein Streifenwagen fĂŒnf Minuten, nachdem ein Kastenwagen auf den Platz gefahren war. Er hielt vor dem Absperrband, machte das Licht aus und dann passierte zehn Minuten gar nichts. Das Licht ging wieder an und der Streifenwagen fuhr davon.
Ich sehe absolut schwarz fĂŒr die Zukunft, ĂŒbrigens in jeglicher Hinsicht. Wenn jetzt schon so deutlich wird, dass man sich nicht mehr an Regeln und Gesetze hĂ€lt, weil es keine oder viel zu lasche Konsequenzen nach sich zieht, wie soll das denn erst werden, wenn die Restriktionen kommen, die in den nĂ€chsten Jahrzehnten nötig sein werden, um die Klimaziele zu erreichen? Wenn der ĂŒberwiegende Teil der Menschheit (ich meine die Menschen, denen es möglich ist) jetzt schon nicht versteht, warum es gut wĂ€re, sich an Regeln zu halten, wie soll das dann funktionieren?

Ich bin #mĂŒ… 😞

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf OriginalgrĂ¶ĂŸe bringen (bessere QualitĂ€t) und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto fĂŒhrt.

 

4 Kommentare zu “Corona-Notlage(r)

  1. Nach all den Touren mit Oscarlotta & Co. – welch ein erschreckender Bericht! Was macht dieses Virus und die EinschrĂ€nkungen mit uns… Halte durch – versuche jeden Tag ein wenig herauszugehen – andere EindrĂŒcke zu gewinnen – und wenn es am Anfang nur eine kurze Zeit ist! Es wird besser – halte durch,, bitte! Ganz liebe GrĂŒĂŸe von Dagmar P.S.

    • Hallo Dagmar!
      Herzlichen Dank fĂŒr deinen mitfĂŒhlenden Kommentar! 😊 Das Virus bringt zum Vorschein, was da ist – positives und negatives. Je nach Stimmungslage oder Gesinnung gewichtet man.
      Ich werde durchhalten, bin Steinbock, das hilft! 😀
      Und seit heute habe ich die Genehmigung des Landratsamtes/Ordnungsamtes, mich hier in Bayern impfen zu lassen!!! So in ein bis zwei Wochen, weiter sind die hier noch nicht (Prio 2)! Danach sehe ich weiter, hÀngt vom Impfstoff ab (Wartezeit bis zur 2. Impfung) und wann man wieder reisen DARF.
      Liebe GrĂŒĂŸe zurĂŒck! 👋

      • Hallo Ingrid,
        ja auch ich bin es leid.
        Und je lÀnger ich hier im Steinhaus rumhÀnge, umso weniger Struktur habe ich in meinem Alltag.
        Ein Lichtblick, am Ende des Tunnels:
        Es wird wieder mehr möglich sein.
        Ende Mai bekomme ich die 2te Impfung verbunden mit den Möglichkeiten die kommen, bin ich frohen Mutes, dass es im Juni wieder losgeht.

        Mir hat in dieser Zeit nicht nur mein Hund geholfen, eine Grundstruktur zu behalten.

        Schönes Wochenende
        Helmut W

      • Hund ist sicher hilfreich, hab ich nicht (mehr). Struktur ist nicht das Problem, eher die nicht vorhandenen Variationsmöglichkeiten. Das Licht am Ende des Tunnels? Ja, vielleicht erreichen wir es irgendwann. Mein Lichtblick ist meine 1. Impfung nĂ€chste Woche, die ich mir hier in Bayern erkĂ€mpft habe!!! 👋

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