Auf den Spuren der Hanse

 
 
Mit meiner Entscheidung für Quedlinburg war auch mein nächstes Ziel schon vorprogrammiert. Unser langjähriger Fulltimer-Wohnmobilfreund Brodo hielt sich gerade in Stendal auf, um einige Zahnarzttermine wahrzunehmen. Das ist eine der besonderen Herausforderungen von uns Vollzeit-Wohnmobilisten, wir müssen uns Ärzte da suchen, wo wir gerade sind, wenn es notwendig wird. Stendal bietet Wohnmobilisten und Gespannfahrern die Möglichkeit, auf einem großen gemischten Parkplatz am Stadtrand kostenfrei zu stehen, mit VE-Station, aber ohne Strom. Gemischt bedeutet, dass nicht nur PKWs, sondern auch LKWs und Anhänger für unterschiedliche Dauer dort abgestellt werden und es dementsprechend viel Fahrgeräusche gibt. Zusätzlich gibt es auffallend viel tatütata, das Krankenhaus ist gleich nebenan. Nachts war es aber erstaunlich ruhig und man kann sich auf dem großen Platz dorthin stellen, wo es einem am besten gefällt. Ich hatte sogar Gras vor der Tür!

Schützenplatz Stendal

Zufällig erwischte ich ein mobiles Bettenreinigungsunternehmen an seinem letzten Tag auf dem Platz. Meine Sommer- und Winterdecke kann ich in der Waschmaschine waschen, aber die Kopfkissen nicht. Also nutzte ich die Gelegenheit und hatte nach 45 Minuten und je €8 zwei porentief gereinigte und gut duftende Kissen. Mit der jungen Betreiberin kam ich ins Gespräch und erfuhr, dass ihr Urgroßvater das Geschäft eröffnet hat, ihr Großvater es erweiterte, der Vater es mit einem umgebauten LKW mobil machte und sie es mit ihrem Mann jetzt in der 4. Generation betreibt. Der Schwerpunkt lag und liegt immer noch bei der Reinigung und Aufarbeitung von Federbetten/-decken/-Kopfkissen. Dafür war die Zeit früher vermutlich besser als heute und die Coronalage setzte ihnen ebenfalls zu, denn nicht alle Gemeinden hatten ihnen während der letzten Monate eine Steh- und Arbeitserlaubnis erteilt. Obwohl der Austausch der zu reinigenden/gereinigten Artikel quasi kontaktlos im Freien stattfindet. Sie wohnen in einem Wohnwagen und als ich erwähnte, dass ich ebenfalls zum „fahrenden Volk“ gehöre, war das Eis gebrochen. Laut lachen Ich bekam noch einige Tipps, wo es sich lohne hinzufahren und als sie mir Tangermünde nannte, konnte ich sagen, dass ich von dort gerade komme. Ich wollte nämlich nach vier Tagen ohne Strom endlich wieder meine Kaffeemaschine nutzen können und hatte mich für den Stellplatz in Tangermünde entschieden, der nur 18km von Stendal entfernt liegt. Angedacht war, dass Brodo mit seinem Reisekollegen zum Wochenende auch dorthin kommen würde.

Tangermünde

Tangermünde machte, von allem, was ich gelesen hatte, einen sehenswerten Eindruck und der Stellplatz ebenfalls. Neben dem eigentlichen Wohnmobilstellplatz mit 70 Plätzen (€12 incl. Strom) gibt es noch eine große Sandfläche, teilweise mit Gras bewachsen, auf der ebenfalls Wohnmobile stehen dürfen, natürlich gegen Gebühr und ohne Strom. Schon beim Vorbeifahren entschied ich mich für die „Wiese“. Dort standen an zwei Seiten zwar auch schon Wohnmobile dicht an dicht (später entdeckte ich, dass es dort noch eine Stromsäule mit ein paar Steckdosen gab), aber auf den beiden anderen Seiten standen nur noch vereinzelt Mobile und so hatte ich nur einen einzigen Kastenwagen-Nachbarn mehrere Meter entfernt, der dann später sogar noch wegfuhr. Perfekt!

TangermündeTangermünde

Keine direkten Nachbarn zu haben war mir sehr viel wichtiger als kostenloser Strom. Dann würde jetzt endlich mal mein Gas-Espressokocher zum Einsatz kommen, den ich mir vor längerer Zeit mal für genau solche Situationen gekauft hatte. Das Kaffeepulver war vakuumverschweißt, also einsatzbereit. Am nächsten Tag schaute ich nach, wie die Stromabsicherung überhaupt ist (bei pauschaler Bezahlung meist nicht sehr hoch) und tatsächlich hätte ich eventuell noch auf kleinster Stufe damit heizen und natürlich meinen Kühlschrank betreiben können, aber für meine Kaffeemaschine hätte es auf keinen Fall gereicht! Und heizen musste ich nicht, es blieb noch ein paar Tage richtig schön warm. Ich bekam auch die nächsten Tage keine Nachbarn, die mir auf die Pelle rückten und hatte zeitweise ein wunderbares Gefühl von Urlaub, draußen in der Sonne, barfuß im Sand, mit einem Pott starkem Kaffee und Kuchen. Verliebt

Urlaub

Die Kaiser- und Hansestadt Tangermünde erkundete ich „hintenherum“. Zwischen Stellplatz und Wiese verläuft ein betonierter Fahrweg Richtung Tanger und zu einem Deich, hinter dem ich die Elbe vermutete. Dem war allerdings nicht so, der Deich begrenzt wohl lediglich ein Überschwemmungsgebiet. Die Elbe war von hier nicht zu sehen.

TangerTangermündeTangermündeTangermünde

Aber über einen schmalen Deichpfad gelangte man nach kurzer Zeit zum Hafen und zu den beeindruckenden Festungsanlagen der Altstadt. Die gesamte Stadt liegt so hoch, dass ihr die Elbe nichts anhaben kann.

TangermündeTangermündeTangermündeTangermündeTangermünde

Allzu viele alte Gebäude sind nicht mehr erhalten und das Städtchen selbst wirkt etwas wie im Dornröschenschlaf, aber für einen Nachmittagsrundgang gibt es genug zu sehen und wer gerne in Restaurants geht, der kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten. Man ist ganz auf Touristen eingestellt. Von der Existenz eines besonderen Lokals in der ehemaligen alten Schule habe ich leider erst in Stendal erfahren.

TangermündeEulenturmTangermündeTangermünde
St.-Stephan
St.-Stephan
St.-Stephan
St.-StephanTangermündeAlte PostAlte PostAlte PostAlte Post

Die im Stil der norddeutschen Backsteingotik errichtete evangelische Kirche St.-Stephan habe ich mir auch von innen angeschaut und wie immer war ich fasziniert von den handwerklichen Fähigkeiten aus früheren Jahrhunderten, sei es Steinmetzkunst, Holzmalereien oder Gobelinstickerei. Wie viele Monate muss es gedauert haben, bis dieses riesige Gobelinbild fertiggestellt war? Erstauntes Smiley

GobelinGobelinGobelinSt.-StephanSt.-StephanSt.-StephanSt.-StephanSt.-StephanSt.-Stephan

BurgVon der alten Burg, vor mehr als 1000 Jahren erbaut, existiert noch das Burgtor und der Gefängnisturm. Nach der Entstehung der Stadt Tangermünde im 13. Jahrhundert zog 1373 der damalige Kaiser Karl IV in die Burg ein und ließ sie schlossähnlich ausbauen. Nach seinem Tod 1378 und den nachfolgenden Hoheitsstreitigkeiten diente die Burg unterschiedlichen Herren und wurde schließlich 1640 von schwedischen Truppen niedergebrannt. Ab 1902 wurde mit dem Wiederaufbau begonnen und seit 1999 wird in den ehemaligen Schlossgebäuden ein Hotel betrieben.
(Quelle: Wikipedia)

Das ab 1430 erbaute historische Rathaus Tangermünde auf dem Marktplatz mit seiner spätgotischen Schauwand gilt als Paradestück deutscher Baukunst der Backsteingotik. Darin befindet sich auch das Heimatmuseum. Es veranschaulicht unter anderem die Geschichte der Grete Minde, die die Stadt 1617 angezündet haben soll und dafür zwei Jahre später auf dem Scheiterhaufen starb. (Quelle: Wikipedia)
Leider war die Vorderfront eingerüstet, ein Foto findet sich auf der oben verlinkten Webseite.

Kurz vor dem beeindruckenden Stadttor entdeckte ich vor einer Töpferei eine „spanische“ Mosaikbank!!!

TöpfereiMosaikbank

Bei unseren Aufenthalten am „Torre la Sal 2“ vor Jahren hatte ich Mosaikbänke, -mauern, -allerlei im näheren und weiteren Umkreis gesammelt (fotografiert) und mich immer aufs Neue daran erfreut (Interessierte können für eine kleine Auswahl „hier“ klicken), aber ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland oder sonstwo welche gesehen zu haben. Lustigerweise schickte mir Uschi dann genau zur gleichen Zeit ein Foto von einer Bank, die sie da entdeckt hatte, wo sie inzwischen war!

Mosaikbank

Sowie ihre als auch meine kommen schon recht nah an die von marokkanischen Mosaikkünstlern (einfache Arbeiter) gefertigten in Spanien heran! Kuss senden

Das alte Stadttor begeisterte mich total!

Neustädter TorNeustädter TorNeustädter TorNeustädter TorNeustädter TorNeustädter TorNeustädter TorNeustädter TorNeustädter Tor

Am Parkscheinautomaten des Stellplatzes konnte man ein Ticket für eine oder für zwei Nächte ziehen. Nirgendwo stand etwas von einer Höchstverweildauer. Also bezahlte ich nach zwei Tagen erneut für zwei weitere Nächte. Das hätte dann bis zum Donnerstag gereicht. Am Mittwoch kam ein Fahrzeug der Stadt und man stellte ein Absperrgitter in die Einfahrt zur Wiese. Außerdem fuhr das Fahrzeug über den ganzen Platz und es wurde jedes Kennzeichen fotografiert. Dass jemand die Tickets kontrolliert, hatte ich noch nicht beobachtet, aber das konnte natürlich vor meiner Aufstehzeit passiert sein. Das Fahrzeug verließ den Platz, ohne dass jemand ausgestiegen war. Ich suchte vergeblich nach einem Hinweis am Absperrgitter. Kurze Zeit später kam das Fahrzeug zurück, diesmal stieg ein Mann aus und ich ging zu ihm und fragte, ob ich etwas wissen sollte. Bei der Gelegenheit erfuhr ich, dass man nur maximal zwei Nächte bleiben darf (das sei doch klar, wenn man nur für zwei Nächte zahlen könne!) und außerdem, dass der Sandplatz ab Freitag gesperrt sei. Alle, die jetzt schon da seien, hätten ja nur bis längstens Freitag bezahlt und ab jetzt dürfe niemand mehr auf den Platz fahren. Nun machte auch das Fotografieren der Kennzeichen Sinn! Da ich schon bis Donnerstag bezahlt hatte, durfte ich noch bleiben, aber eine weitere Verlängerung war natürlich nicht möglich und somit auch nicht der Besuch von Brodo. Wir hätten zwar auf dem eigentlichen Stellplatz stehen können und vielleicht wäre es auch egal gewesen, dass ich dann schon dreimal zwei Nächte dort gewesen wäre, aber auf dem Stellplatz geht es wirklich eng zu und das gefällt mir nicht und Brodo schon gar nicht. Erstauntes Smiley

StellplatzStellplatz

Also zog ich am nächsten Tag um nach Stendal. Dann würde ich diese Stadt auch noch kennenlernen. An stehen ohne Strom hatte ich mich ja schon gewöhnt und Kaffeepulver hatte ich auch noch genug!
Der „Schützenplatz“ stellte sich dann ja auch als angenehmer heraus, als ich befürchtet hatte und am Freitag erkundeten Brodo und ich Stendal. Er kannte bisher nur den Weg zu seinem Zahnarzt und nicht viel mehr. Auch in Stendal ist noch zu merken, dass es zu früheren Zeiten eine gut befestigte (Hanse-) Stadt war, aus den ehemaligen Wallanlagen sind schöne Grünanlagen entstanden, es gibt noch zwei alte Stadttore, viele Gebäude in nordischer Backsteingotik, einige gut erhaltene Fachwerkhäuser und insgesamt fünf Kirchen. Das ist für eine Stadt mit über die Jahrzehnte durchschnittlichen 35000 Einwohnern recht viel und umso erstaunlicher, als die meisten Einwohner Stendals heute konfessionslos sind (15% evangelisch, 3% katholisch). Aber letzteres ist sicher eine der Langzeitfolgen der ehemaligen DDR und ersteres ein Zeichen für den ehemaligen Wohlstand dieser alten Hansestadt.

MarienkircheMarienkircheMarienkircheRolandFachwerkhausFachwerkhausSt. PetriUenglinger Tor

Nett und lustig war dann noch diese ganz besondere Fassadenmalerei:

Dampf-WäschereiDampf-WäschereiDampf-WäschereiDampf-WäschereiDampf-WäschereiDampf-Wäscherei

Passt auf euch auf und bleibt gesund!

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen (bessere Qualität) und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

UNESCO Weltkulturerbestadt Quedlinburg

 
 
Nach 10 Tagen wollten wir weiterfahren, zwei Stellplätze auf einem Campingplatz in der Lüneburger Heide waren schon reserviert. Uschi hatte jedoch undefinierbare gesundheitliche Probleme und beschloss kurzfristig, nach Lauterburg zurückzufahren, um ihren langjährigen Hausarzt zu konsultieren. Ich entschied, erst einmal abzuwarten und verlängerte bei Frau König auf unbestimmte Zeit. Am Dienstag gab Uschi Entwarnung, da sie aber noch nicht unmittelbar wieder fahren konnte/wollte, nahm ich etwas in Angriff, was schon seit ewigen Zeiten auf „meiner Liste“ stand, nämlich die Besichtigung der UNESCO Weltkulturerbestadt Quedlinburg.
Quedlinburg hat keinen Wohnmobilstellplatz, sondern auf drei verschiedenen Großparkplätzen jeweils 6 ausgewiesene Parkflächen für Wohnmobile mit der Möglichkeit, Strom anschließen zu können. Das ist nicht gerade viel. Bei einem der Plätze, der direkt bei der Altstadt liegt, darf man auch auf den Busparkplätzen stehen, aber nur zwischen 18 und 8 Uhr.

Busparkplatz

SchlossparkplatzAuf dem Schlossparkplatz darf man auf jedem PKW-Platz stehen, sofern man, wenn man länger als ein PKW ist, rückwärts mit dem Heck über die anschließende Rasenfläche fahren kann. Wenn es eine gibt. Ich informierte Frau König über meinen Plan und sie riet mir vom Schlossparkplatz ab, weil der sehr eng sei. Und ihrer Meinung nach könne man den dritten Platz mit einem großen Fahrzeug im Moment gar nicht anfahren, da dort gebaut würde. Enttäuschtes Smiley Ich bezahlte am Mittwoch, fütterte mein Navi mit den Adressdaten des Platzes mit den Busparkflächen und fuhr die 46km bis Quedlinburg. Auf der Ringstraße um die Stadt herum sollte ich links abbiegen, die Durchfahrt war aber nur erlaubt bis 3,5t. Bei der nächsten Straße genauso! Während ich noch überlegte, wie ich nun zu dem Stellplatz kommen könnte, sah ich plötzlich das Parkplatzschild vom Schlossparkplatz und bog todesmutig in die schmale Kopfsteinpflasterstraße ab. Zum Glück ging es sofort wieder rechts durch eine Schranke mit Parkscheinautomaten auf den Parkplatz. Und der sah voll aus!!! Ich kam an den ausgewiesenen Wohnmobilstellplätzen vorbei, die von zwei Mobilen und vier PKWs belegt waren. Müdes Smiley Die Plätze sind breiter und länger und entsprechend gekennzeichnet, trotzdem interessiert das einige PKW-Fahrer nicht, Hauptsache, man muss nicht so weit laufen. Das ist auf allen gemischten Parkplätzen so und demonstriert gut, wie ichbezogen und rücksichtslos oder desinteressiert und dumm manche Menschen sind. Augen rollendes Smiley Ich fuhr langsam weiter und ahnte Schlimmes. Wenn zwischen zwei PKWs mal eine Lücke war, reichte die von der Breite her nicht für Oscarlotta. Ich fuhr ganz hinten herum und sah in der Kurve schon, dass auf einer Längsspur ein Wohnmobil stand und dass die Fläche davor noch für uns reichen müsste. Ich parkte Oscarlotta rückwärts ein und nutzte zum Rangieren eine kleine Grünfläche, die als Abgrenzung zur Kurve hin diente. Vor mir war nichts mehr außer der Fahrspur, links hatte ich eine Grünfläche mit Bäumen zum Sitzen (die ich in den folgenden Tagen noch sehr zu schätzen wusste) und rechts waren auf der anderen Seite der Fahrspur reine PKW-Plätze, die an diesem Tag alle belegt waren und an den nächsten Tagen so gut wie nicht! Oscarlotta war ca. 30cm breiter als die Parkspur, aber das war unerheblich. Vorsichtshalber ließ ich meine Trittstufe eingefahren und meine seitliche Heckgaragenklappe nur geöffnet, um schnell Stuhl, Fußteil und Beistelltischchen herauszuholen oder wieder wegzupacken.

SchlossparkplatzSchlossparkplatzSchlossparkplatz

Zunächst erwog ich noch, abends eventuell auf einen der Wohnmobilplätze umzuziehen, zumal ich entdeckte, dass es ganz in meiner Nähe vier weitere Steckdosen an sechs PKW-Plätzen gab. Die waren aber dermaßen schräg, dass ich hätte auf Keile fahren müssen und der Abstand zu den Nachbarmobilen war überall äußerst gering. Die Platzgebühr (€10/Mobil/Nacht) zahlt man bei Abreise am Automaten, aber die Kurtaxe/Touristenabgabe von €3/Person (!) muss man beim Platzwart bezahlen (ab 15 Uhr im Bowlingcenter) und bekommt sowohl einen Nachweis, den man sichtbar im Mobil befestigen muss als auch ein Gutscheinheft wie beim letzten Platz. Auch hier kann man wieder umsonst mit den Bussen fahren. Ich sagte dem Mann, wo ich stehe und er hatte kein Problem damit, obwohl ich die Hälfte der für drei PKWs vorgesehenen Fläche einnahm. Hätte ich Strom gewollt, hätte ich bei ihm Strommarken kaufen können, für jeweils 8 Stunden 2 Euro. Dazu hätte ich entweder umziehen oder mein Stromkabel quer über den Fahrweg ziehen müssen. Die Sonne schien, ich brauchte Strom nur für meine Kaffeemaschine und beschloss, den Kaffee aushäusig zu trinken. Ein VE-Station gibt es auch, die Toiletten- und Abwasserentleerung ist kostenfrei möglich, für Frischwasser benötigt man ebenfalls Wertmarken.

VE-StationVE-Station

Ich war für meine Verhältnisse früh dran (um überhaupt noch eine Chance auf einen freien Platz zu haben) und beschloss, an diesem Nachmittag nur eine erste Schnuppertour um den Schlossberg zu laufen. Auf die leider eingerüstete Schlosskirche schaute ich direkt aus Oscarlotta heraus.

AusblickAusblick

Die schmale Kopfsteinpflastergasse zu laufen bedeutete erhöhte Aufmerksamkeit, aber schon nach der ersten Kurve fiel ich in einen Begeisterungstaumel. Ich schien mir keine falschen Vorstellungen von dieser Stadt gemacht zu haben! Verliebt

AltstadtAltstadtAltstadtAltstadtAltstadtAltstadt

Unverhofft kam ich am Eingang zum Schlossberg vorbei, die 68 Stufen stellten kein Hindernis dar und als Belohnung bekam ich einen tollen Überblick über die Altstadt. So viele Kirchturmspitzen!

AltstadtSchlossbergAltstadtAltstadtAltstadtAltstadtAltstadtAltstadtAltstadt

Und so viele liebevolle Details in den Sträßchen! Ich war schon an diesem ersten Nachmittag total begeistert!

AltstadtAltstadtAltstadt

FeiningerVon der Übersicht in Google Maps wusste ich, dass ganz in der Nähe des Schlossparkplatzes eine Lyonel-Feininger-Galerie ist und als ich schließlich auf meinem Rundgang dort vorbeikam, kaufte ich kurzentschlossen eine Eintrittskarte. Feininger gehört schon seit meinen Jugendjahren zu meinen Lieblingsmalern, allerdings kannte ich, wie sich jetzt herausstellte, nur die Schaffensepoche seiner späten Jahre und war entsprechend überrascht, was für ein excellenter Karikaturist und Zeichner er war.
 
 
FeiningerFeiningerFeiningerFeininger
Feininger

Er wurde als Sohn zweier deutscher Musiker zwar in New York geboren und starb auch dort, nachdem die Familie nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten Deutschland 1937 verließ, aber schon mit 16 Jahren übersiedelte er mit seinen Eltern nach Deutschland, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte und schnell sehr erfolgreich wurde. Ein Höhepunkt seines Schaffens war sicherlich 1919 die Berufung durch Walter Gropius an das neu gegründete Bauhaus in Weimar. Dort lernte er den kunstbegeisterten promovierten Juristen Hermann Klumpp kennen, der aus Quedlinburg stammte. Als 1937 über 400 seiner Werke der von den Nationalsozialisten durchgeführten Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer fielen und aus den Museen entfernt wurden, übergab er seinem Freund bedeutende Teile seines Werkes zur Aufbewahrung und übersiedelte mit seiner jüdischen Ehefrau nach New York. Diese Werke waren ab 1970 die Grundlage für die Entscheidung, in Quedlinburg die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

FeiningerFeininger

Dafür musste aber erst einmal ein zerfallender Gebäudekomplex restauriert werden, was äußerst erfolgreich gelang, sich aber über sechs Jahre hinzog.

FeiningerFeininger

Ein kleines, aber feines Museum, dessen Besuch sich lohnt! Daumen hoch

Die nächsten zwei Nachmittage durchstreifte ich systematisch erst den westlichen und dann den östlichen Teil der Altstadt, immer mit den benötigten Kaffeepausen natürlich.

KaffeepauseKaffeepauseKaffeepauseKaffeepause

BimmelbahnDass ich fast alles entdeckt hatte, stellte ich am letzten Tag fest, einem Samstag, an dem es vor Touristen nur so wimmelte. Keine Chance auf einen freien Tisch! Also entschied ich mich für eine 45-minütige Tour mit der Quedlinburger Bimmelbahn und kam überall dort noch einmal vorbei, wo ich zu Fuß schon gewesen war. Auf dem Rückweg gab es noch ein leckeres Eis im Becher.

Am Sonntag klopfte es um 11 Uhr an Oscarlottas Tür. Ich war zwar schon wach, aber noch im Bett. Es eilte ja nicht mit der Abfahrt, dachte ich. Der Platzwart informierte mich dann allerdings darüber, dass „Tag des offenen Denkmals“ sei und es voll werden würde. Wenn ich noch länger bleiben wolle, müsse ich umziehen, damit alle drei PKW-Plätze verfügbar seien. Ich versicherte ihm, dass ich in einer Stunde weg sei und gab Gas! Der Parkgeldautomat wollte dann allerdings meinen Fünfzig-Euroschein partout nicht annehmen, egal wie herum ich ihn einschob. Kartenzahlung gab es nicht, aber zum Glück war der Platzwart ja schon da. Nee, 50 Euro nimmt der Automat nicht! Da ich von der Anreise schon wusste, dass ich von meinem Fahrersitz aus nicht an den Einschubschlitz für das Parkticket kommen würde, auch nicht, wenn ich mich halb aus dem Fenster hänge, bat ich ihn, um nicht extra noch einmal aussteigen zu müssen (Oscarlotta hat ja keine Fahrertür), ob er mir die Schranke öffnen könne. Kein Problem, er wollte sofort mitgehen. Nein, ich müsse mein Mobil ja erst noch holen! Dann solle ich einfach hupen, wenn ich vor der Schranke stehe. Als ich diese zu Fuß passierte, fuhr ein Wohnmobil herein, die Beifahrerin stieg direkt vor meiner Nase aus und so erkannte ich sie wieder, als sie offensichtlich nach einem Platz suchend an Oscarlotta vorbeikam. Ich informierte sie, dass ich sofort wegfahren würde und sie hier stehen dürften, wenn sie nur einen Platz beanspruchen würden. Ihr Mobil war kürzer als Oscarlotta und ihr Mann beschloss, rückwärts über das kleine Grasdreieck zu fahren. Ich wartete, bis er gedreht hatte und fuhr dann Richtung Schranke, musste aber leider feststellen, dass ich dort nicht um die Kurve kam. Ich versuchte zu rangieren, blockierte damit aber die Einfahrt und hatte hinten nicht genug Platz, sodass ich notgedrungen noch eine Runde über den Platz fahren musste, bis ich endlich richtig, wenn auch gegen die Fahrtrichtung, vor der Schranke ankam. Gleichzeitig wollte ein PKW reinfahren und als ich hupte, fühlte der junge Fahrer sich angesprochen und stieg aus seinem Auto aus. Ich bat ihn, mein Ticket einzuschieben. Zeitgleich erschien der Platzwart in der Tür des Bowlingcenters und wollte herübereilen. Ich rief ihm zu, dass mir schon geholfen würde, bedankte mich bei dem netten PKW-Fahrer und verließ den Platz und die Stadt. Kuss senden

QuedlinburgIm Anschluss zeige ich einfach noch eine Auswahl an Fotos. Wer noch nicht in Quedlinburg war, dem empfehle ich diese interessante über 1000-jährige Stadt uneingeschränkt! Und definitiv diesen Parkplatz. Durch den Hintereingang der Feininger-Galerie ist man in kürzester Zeit am Schlossberg (und dem Platz mit dem Käsekuchen-Café) und auf dem besten Weg in die Altstadt.
 
 
 
SchlossbergSchlossbergSchlossbergSchlossbergSchlossbergSchlossberg

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Passt auf euch auf und bleibt gesund!

written by Ingrid
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P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen (bessere Qualität) und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

Harzblick

 
 
HarzblickWeiter ging es, diesmal wieder nur eine überschaubare Strecke, in den Harz. Dort war Uschi noch nie so richtig und ich zum ersten Mal in meinem Leben in Braunlage im Kinderheim, mit 11 Jahren. Wir entschieden uns für einen kleinen privatgeführten Stellplatz in der Nähe von Wernigerode. Das sollte sich als goldrichtig herausstellen. Nicht nur, dass der Platz sehr liebevoll gestaltet und mit €10 noch verhältnismäßig preiswert ist, sondern der Betreiberin, Frau König, ist es ein persönliches Anliegen, dass ihre Gäste sich wohl und gut betreut fühlen. Bei jedem neu ankommenden Wohnmobil erscheint sie unmittelbar nach Ankunft mit einem Körbchen am Arm, in dem Begrüßungsleckerli sind. Für die Menschen! Eine sehr sympathische Geste! Verliebt Die Anmeldeprozedur, die in einem offenen Holzpavillon stattfindet, gestaltet sich sehr ausführlich, da nicht nur die Kurkarte ausgefüllt werden muss, sondern es auch noch jede Menge Tipps gibt. Der Kurbeitrag beträgt €2,50/Tag/Person, dafür kann man allerdings im gesamten Harzkreis kostenfrei Bus fahren und bekommt außerdem noch die üblichen Rabattcoupons für Einkäufe oder Restaurantbesuche etc…
Wir hatten vorsichtshalber zwei Plätze reserviert und auch wenn es bei unserer Ankunft noch nicht so aussah, als ob das nötig gewesen wäre, so zeigte sich schon zwei Tage später, dass nicht nur wir auf diesen Platz aufmerksam geworden waren. Die offiziell angegebenen 20 Plätze waren jeden Abend belegt, wobei es ab 15 Mobilen schon äußerst schwierig wurde. Ich schlug vor, eine zweite Etage ins Auge zu fassen, aber Frau König meinte, noch mehr arbeiten wolle sie eigentlich nicht mehr in ihrem Alter. Sie betreibt den Platz zusammen mit ihrem jetzt schwer erkrankten Mann seit 15 Jahren auf eigenem Grundstück hinter ihrem Wohnhaus. Der Stromkasten wird bei jedem Ankömmling oder Abreisenden auf- und wieder zugeschlossen, der Zählerstand wird notiert und man bezahlt 60 Cent/kWh bei Abreise. Bezahlung ausschließlich in bar! Alles noch etwas altertümlich, auch die Webseite, und sehr arbeitsintensiv, aber eben auch sehr persönlich. Sehr passend heißt der Ort Darlingerode. Zwinkerndes Smiley

HarzblickHarzblickHarzblickHarzblickHarzblickHarzblickHarzblick

Uschi, die wie immer vor mir da war, hatte uns die besten Plätze ausgesucht. Ich hatte einen schattenspendenden Baum auf der Türseite und keine direkten Nachbarn, da der Durchgang zu den Müllbehältern freibleiben musste. Zudem hatte ich vollen Ausblick auf das gesamte Treiben auf dem Platz und das ist ja immer wieder interessant. Cooles Smiley
In unmittelbarer Nähe des Stellplatzes gibt es einen Metzger und einen Bäcker und in ca. 5 Minuten ist man an der Bundesstraße, an der die Bushaltestellen sind und auch ein Netto-Einkaufsmarkt. Die Lage des Platzes in einem Wohngebiet bedeutet absolute Ruhe, vor allem nachts.

Unser erster Busausflug ging nach Wernigerode, was wir nur seinem bekannten Namen nach kannten. Es war wie erwartet, viele schöne Fachwerkhäuser, ein tolles Rathaus und viele Menschen. Das Wetter war durchwachsen und den ersten Regenschauer nutzten wir für eine Fahrt mit der Bimmelbahn hoch zum Schloss. Dieses sieht von unten spektakulärer aus als wenn man davorsteht, aber man hat natürlich einen schönen Blick ins Tal und hinüber bis zum Brocken, der nur 12km entfernt ist.

WernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerodeWernigerode

Dorthin hätten wir natürlich mit der legendären Brockenbahn, einer dampfbetriebenen Schmalspurbahn, fahren können, aber nicht nur, dass uns der Fahrpreis und die Fahrtdauer abschreckte, sondern Frau König riet uns auch davon ab. Uschi war auf der Fahrt schon durch abgestorbene Fichtenwälder gekommen und war entsetzt und Frau König meinte, so sei ein Großteil der Bahnstrecke, es wäre zum Weinen. Zufällig stieß ich nach unserem Aufenthalt auf eine Sendung im MDR-Fernsehen: „Mit Volldampf auf den Berg der Deutschen – Die Brockenbahn“. So konnte ich doch noch hochfahren und ich erfuhr auch noch vieles aus der Zeit der DDR in Bezug auf die Bahn und den Brocken, was mir nicht geläufig war. Wen es interessiert, „hier“ klicken.

Der nächste Ausflug ging nach Bad Harzburg, wieder per Bus. Die Fahrt dauerte 40 Minuten und der nächste Bus zurück fuhr dann auch erst wieder nach 2½ Stunden. Zum Glück bot das Städtchen mehr als auf den ersten Blick vermutet und wir bekamen die Zeit gut herum. Das schöne Wetter spielte dabei eine entscheidende Rolle. Der Unterschied zu Wernigerode hätte größer nicht sein können. Bad Harzburg wirkte auf uns, als ob es irgendwo in den 1960er-Jahren stehengeblieben sei. Gefallen hat es uns aber trotzdem. Smiley

KücheBad

Passt auf euch auf und bleibt gesund!

written by Ingrid
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