Der Amtsschimmel wiehert

 
 
Die Antwortmail war wie erwartet schon da, als Uschi ihr Smartphone einschaltete. Mit einer guten und einer weniger guten Nachricht und einer Frage. Weniger gut: Eine Überweisung des Geldes ist nicht möglich! (Muss man sich mal vorstellen!!!) Gut: „money order“ sei bei einer Bank möglich. Frage: Ob Uschi eine Kreditkarte habe. Laut lachen Und, obwohl wir ja das ausgefüllte PDF mit allen Informationen mitgeschickt hatten, kam noch einmal die Frage, ob das zu beglaubigende Dokument von einem Notary Public im State Washington erstellt worden sei. Wir antworteten und bejahten beide Fragen und fragten unsererseits nach, ob dann eine Bezahlung per Kreditkarte möglich sei? Die Antwort traf unmittelbar zu Bürobeginn in den U.S.A. bei uns ein. Diesmal nicht von Audrey, die sei im Moment nicht im Büro, aber sie (oder er?), Nikki, sei glücklich, assistieren zu können. Das lieben wir an den Amerikanern, diese Freundlichkeit und Verbindlichkeit! Kuss senden Im Anhang der eMail war ein Formular, in das Uschi ihre Keditkartendaten eintragen sollte. Dieses sollte aber auf keinen Fall per eMail zurückgeschickt werden, sondern auf dem Postweg, zusammen mit dem zu beglaubigenden Dokument. Audrey hatte erwähnt, dass das fertig bearbeitete Dokument mit FedEx (einer der größten Kurierdienste mit Niederlassung auch in Deutschland) zurückgeschickt werden würde, Nikki teilte den Preis mit: $66,61 – also knapp 60 Euro! Nicht ganz preiswert. Wir haben im letzten halben Jahr zweimal mit DHL ein größeres Paket zu Uschis Schwester geschickt, was beide Male um die €35 gekostet hat. Aber nun ja, Uschi würde sicher nicht jetzt noch um den Preis einer Versendung feilschen.

Wir machten alles fertig, legten vorsichtshalber noch das ausgefüllte und ausgedruckte PDF dazu und Uschi schrieb einen kurzen erklärenden Text mit allen gewünschten, erforderlichen und eventuell hilfreichen Informationen. Heute früh fährt sie runter nach Essingen zur Poststelle und schickt das Kuvert mit gemischten Gefühlen los. Es darf auf keinen Fall verloren gehen! Es muss zwingend im Original verschickt werden und es existiert nur einmal. Wenn es verloren geht, muss Uschis Schwester es erneut erstellen lassen, erneut bezahlen und erneut verschicken. Allein das würde schon wieder einen Zeitverlust von zwei bis drei Wochen bedeuten! Es sollte aus naheliegenden Gründen auch nicht in verkehrte Hände geraten! Erstauntes Smiley

Zur Erinnerung: Es handelt sich bei dem zu beglaubigenden Dokument lediglich um eine Vollmacht von Uschis Schwester, die besagt, dass Uschi alle notwendigen Erbschaftsangelegenheiten in ihrem Namen erledigen darf. Diese Vollmacht ist nötig, weil in der Generalvollmacht, die Uschi von ihrem Vater hatte, die vier entscheidenden Worte „über meinen Tod hinaus“ fehlten. Die Vollmacht hatte vor Jahren ein Notar ausgestellt! Der „Entscheider“ beim hiesigen zuständigen Amtsgericht findet die Vollmacht von Uschis Schwester, die von einem Notar in den U.S.A. ausgefertigt wurde, offenbar so wichtig, dass er unbedingt noch diese Apostille verlangt!!! Es handelt sich um eine private Erbschaftsangelegenheit, es geht nicht um Millionen, nicht einmal um eine, es geht nur um den Eigentümerwechsel eines ganz normalen Einfamilienhauses. Der erst stattfinden kann, wenn eine Kann-Verfügung erfüllt ist!

Fortsetzung folgt – irgendwann. Wir warten weiter… Enttäuschtes Smiley

NACHTRAG:
Die Dokumente sind auf dem Weg in die U.S.A., mit wichtig aussehendem Aufkleber und versichert bis €2.500. €25.000 wäre auch noch möglich gewesen, erschien Uschi aber als etwas übertrieben! Cooles Smiley Der Preis? €65,90!!!

In den Mühlen der Bürokratie

 
 
Der Notar schickte weitere Unterlagen, mehrere erklärende Seiten des Auswärtigen Amts zu Apostillen, was das ist, wofür, warum, wo man sie beantragen kann und so weiter. Wichtige Passagen waren freundlicherweise gemarkert und teilweise befanden sich Links im Text. Dummerweise kann man Links in einem Papierdokument nicht anklicken. Zwinkerndes Smiley Ich suchte einigermaßen lange, bis ich den identischen Text online gefunden hatte. Über Umwege gelangten wir schließlich dort hin, wo wir eine Adresse fanden, worüber die Ausfertigung einer Apostille im für uns zuständigen Bundesstaat Washington beantragt werden kann. Natürlich ist das nicht kostenfrei und das war unser größtes Problem. Nicht die Summe als solche, die war aufgelistet, $15 für die normale Bearbeitung oder $50 Aufschlag für Express-Bearbeitung innerhalb von 1-2 Werktagen. Zahlbar im Voraus. Aber wie??? Darüber stand nirgendwo etwas, auch nicht in den FAQs. Augen rollendes Smiley Das zu (über)beglaubigende Dokument muss im Original in die U.S.A. (zurück)geschickt werden, im Begleitschreiben muss der genaue Name des (beiliegenden!) Dokuments (sonst keine Überbeglaubigung möglich!) aufgeführt werden sowie Name des Antragstellers und eine tagsüber erreichbare Telefonnummer. 9 Uhr im State Washington ist 18 Uhr bei uns! Und natürlich muss eine Adresse mitgeteilt werden, an die das überbeglaubigte Dokument zurückgeschickt werden kann. Nachdem die Zahlung eingegangen ist. Uschi wollte schon Dollarscheine besorgen und mit dem Dokument in einen Umschlag stecken, davon konnte ich sie abhalten. Smiley mit geöffnetem Mund Der Sachbearbeiter wäre damit vermutlich etwas überfordert gewesen, in einem Land, in dem Barzahlung kaum noch üblich ist. Aber vermutlich wäre es auch in Deutschland eine Herausforderung, wenn in einer Behörde für eine gewünschte Dienstleistung Geld im Umschlag stecken würde. Diese Situation ist aber völlig fiktiv, denn grundsätzlich werden bei uns für jeden Geschäftsvorgang die Überweisungsdaten automatisch mitgeteilt. In diesem Fall nicht! Es gab lediglich eine Post- und immerhin noch eine eMail-Adresse. Geld per eMail geht gar nicht, also doch mit in den Briefumschlag??? Wir schrieben eine Mail und fragten nach PayPal oder Bankdaten. Es kam eine automatische Eingangsbestätigung, klar, es war noch Nacht dort drüben. Wir hatten um möglichst schnelle Antwort gebeten und die kam tatsächlich um 22 Uhr unserer Zeit. Bezahlen per Scheck oder per „money order“. Verwirrtes Smiley Eine Postadresse, keine Überweisungsdaten und, nein, PayPal sei leider nicht möglich! Ein PDF war angehängt, das online ausgefüllt, abgespeichert und als Dateianhang wieder zurückgeschickt werden konnte. Morgen (heute) ist Freitag. Wenn wir vor dem Wochenende noch etwas erreichen wollten, mussten wir der freundlichen Audrey noch antworten. Uschi war schon im Schlafmodus, aber ich war ja noch fitt. Das ausgefüllte PDF wurde verschickt, alle Fragen beantwortet und im Gegenzug gefragt, wie „money order“ von Deutschland aus geht. Die Erklärungen, die wir auf die Schnelle online fanden, bezogen sich nämlich alle auf den Ablauf innerhalb der U.S.A.. Uschi schaltete ihr Smartphone aus, auf einen eventuellen Anruf, der sie aus dem Schlaf reißen würde, wollte sie heute Nacht verzichten. Wenn sie aufsteht, wird wohl eine Antwort-Mail da sein und dann sehen wir weiter.
Fortsetzung folgt… Cooles Smiley

Was ist eine Überbeglaubigung?

 
 
Der Notartermin hat stattgefunden, alle für den Verkauf des Hauses notwendigen Unterschriften wurden geleistet. Die Käufer machen einen sympathischen und soliden Eindruck, die 11-jährige Tochter freut sich, dass sie zum Einzug in das eigene Haus mit Garten einen Hund bekommt. Also alles gut? Nun ja, gut schon, aber noch nicht gleich. Eine neue Grundschuldeintragung ist nötig, vorher gibt das finanzierende Geldinstitut die Kaufsumme nicht frei. Das könne noch einmal bis zu zwei Monate dauern! Außerdem muss bei der Gemeinde nachgefragt werden, ob sie von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen will oder nicht. Also weiter warten… Enttäuschtes Smiley
Gestern, eine Woche später, bekommt Uschi einen Anruf vom Notar. Es gäbe da ein kleines Problem! Der Sachbearbeiter beim Amtsgericht, offizielle Bezeichnung „Entscheider“, würde die Generalvollmacht von Uschis Schwester nicht anerkennen. Er verlange eine sogenannte Apostille auf dem Schriftstück. Die Beschaffung dieser Vollmacht, für die ganz bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen, war ja schon eine Geschichte für sich. Die Notarin in dem Heimatstädtchen von Uschis Schwester hatte sogar extra beim zuständigen Amtsgericht in Deutschland angerufen und sich vergewissert, dass sie alles richtig macht. Es kam dann ein sehr offiziell aussehendes Schriftstück mit einer, wie wir dachten, Apostille. Das ist eine Art Siegel, so, wie man immer schon amtliche, offizielle und/oder wichtige Schriftstücke gekennzeichnet hat. Nicht mehr mit Wachs, sondern als ein Stempel, der ganz bestimmte, äußerst strenge Voraussetzungen erfüllen muss, die zwischen den Vertrags- oder Mitgliedstaaten des multilateralen Übereinkommens Nummer 12 der Haager Konferenz für Internationales Privatrecht im Jahre 1961 eingeführt wurde. Die Vereinfachung des Rechtsverkehrs, die mit diesem Übereinkommen erreicht werden konnte, trägt heute wesentlich zur Entwicklung der Globalisierung bei, weil sie internationale Rechtswege rasch und unbürokratisch ermöglicht. (Quelle: Wikipedia)
Wie genau eine Apostille aussieht, wussten wir natürlich auch nicht, nicht einmal vom Hörensagen kannten wir sie bis dahin. So ging es aber wohl nicht nur uns, denn weder die Bank, noch der Makler und geschweige denn der Notar bezweifelten die Korrektheit der beglaubigten Vollmacht mit dem eingeprägten Stempel. Und von den Entscheidern unbekannter Anzahl beim Amtsgericht hätten es laut dem Notar auch alle akzeptiert, nur dieser eine „Scharfrichter“ (Aussage des Notars) NICHT. Er verlangt eine „Überbeglaubigung“. Die muss in den U.S.A. beantragt werden und, wenn sie beschleunigt bearbeitet werden soll, natürlich auch entsprechend bezahlt werden. Cooles Smiley Der Notar beteuerte Uschi gegenüber, dass er mit Engelszungen versucht habe, dem Entscheider die besonderen Schwierigkeiten des Falles klarzumachen, ohne Erfolg. Dieser hätte durchaus die Möglichkeit, sein okay zu geben und auf die Apostille zu verzichten, soooo wichtig ist eine Vollmacht, die eine Schwester der anderen in einer privaten Erbangelegenheit ausstellt, ja nun auch nicht. Er tut es aber nicht, aus welchen Gründen auch immer. Erzürnt Wie war das mit rasch und unbürokratisch? Dass das möglich ist, hat ein anderer Entscheider bewiesen, der Uschi einen Erbschein ausgestellt hat, bevor überhaupt die Vollmacht aus den U.S.A. in Deutschland angekommen war, mit oder ohne Apostille. Aber nicht mit mir, sagt da ein „Scharfrichter“ in einem kleinen schwäbischen Städtchen. Ich will mindestens eine Überbeglaubigung! Ich habe das Recht, sie zu verlangen und das tue ich. Basta!

Vor vielen, vielen Jahren sang Reinhard Mey sehr unterhaltsam vom „Antrag auf Erteilung eines Anstragsformulars“. Smiley mit geöffnetem Mund

Fortsetzung folgt – irgendwann…