Dialog des Geistes

 

Zum Sonntagnachmittagskaffeetrinken besuchten wir Normas Freundin in ihrer Kurklinik im ehemaligen Seebad Wendorf, das als Wismarer Stadtteil Wendorf eingemeindet wurde. Die Seebrücke gibt es seit 1992, sie ist 350m lang und seit 2015 nach einer monatelangen Sanierung wieder öffentlich zugänglich. Wir legten einen kurzen Zwischenstopp ein. Auf der Hälfte der Brücke drehten wir allerdings um, der Wind war mehr als unangenehm! Aber der Blick auf die Wismarer Bucht war gerade wegen der Kälte so schön.

Seebrücke WendorfSeebrücke WendorfSeebrücke Wendorf

Am Montag verabschiedete Norma sich, sie wollte weiter zu ihrer Schwester. Ich wollte eigentlich endlich ans Meer, aber die Wettervorhersage im Internet sagte, dass die nächsten Tage eher schlecht sein würden. Also beschloss ich, noch zu bleiben. Der erste Niederschlag, der nicht mehr als Schnee herunterkam, wusch Salz und Straßendreck weitgehend von Oscarlotta ab (sie hatte verheerend ausgesehen!) und ließ die Platzmarkierungen wieder zum Vorschein kommen. Also war umparken angesagt und bei der Gelegenheit fuhr ich auch gleich über die VE-Station.

Jetzt war für mich auch klar, dass ich die erstbeste Gelegenheit nutzen würde, um noch einmal zur St. Marien-Kirche zu gehen. Die so besondere Ausstellung „Dialog des Geistes“ hatte mich letzten Winter in ihren Bann gezogen. Ich hatte zwar damals schon ein paar Fotos gemacht und auch darüber berichtet, aber ich musste da einfach noch einmal hin! Es war genauso beeindruckend wie beim ersten Mal. Von der Kirche steht ja nur noch der riesige Turm, das Kirchenschiff wurde im 2. Weltkrieg so stark beschädigt, dass es letztendlich 1960 gesprengt wurde. Der Grundriss des ehemaligen Kirchenschiffes und die Lage der gewaltigen Stützpfeiler wurden später durch niedrige Mauern wieder sichtbar gemacht.

St. MarienSt. MarienSt. MarienSt. MarienSt. Marien

Und so schön war sie einmal!! Verliebt

St. Marien  

In einem Seitenflügel des Turmes mit dem originalen Mauerwerk ist eine Gruppe von sechs Terakottafiguren aufgebaut, deren Mitglieder miteinander im Dialog zu sein scheinen. Als Vertreter unterschiedlicher Kulturen und Religionen treten sie mit Originalzitaten aus ihren Schriften in einen Dialog über Gott und seine Schöpfung, über die Suche nach dem Sinn des Lebens und die Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens von Menschen. Diese Gedanken werden über Lautsprecher wiedergegeben (Sprecher ist Bruno Ganz) und erzeugen im Zusammenspiel mit dem abgedunkelten, kargen Raum und der punktuellen Beleuchtung der Figuren eine ganz besondere Stimmung. Die Figuren stellen einen Pilger dar; den streitbaren Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux; den Philosophen und Theologen Petrus Abaelard; den persischen Dichter Hafis; den Rabbi, Arzt und Philosophen Moses ben Maimon und schließlich Parzival, den Held aus Wolfram von Eschenbachs berühmtem Ritter-Epos. Die Texte liegen auch in Schriftform aus, exemplarisch als letztes Foto die Rede des Pilgers.

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Auf der anderen Seite des Turmes ist im Seitenflügel eine liebevoll gemachte Ausstellung der drei prägenden Stadtkirchen im Modell 1:100. Auch hier schaute ich noch einmal rein und blieb viel länger hängen als gedacht. Mich interessieren Kirchen zwar wegen ihrer Architektur und sie faszinieren mich, weil ich mir vorzustellen versuche, unter welch schwierigen Bedingungen sie erbaut wurden, aber von Kirchengeschichte habe ich wenig bis keine Ahnung. Hier standen jetzt zwei Computermonitore und ich absolvierte einen Schnellkurs. Laut lachen Es wurde nämlich anschaulich demonstriert, wozu das Streben nach immer größerer Höhe der Kirchenschiffe geführt hatte und auch, mit welchen Risiken nicht nur die Höhenangleichung der Seitenschiffe verbunden war, was auch nicht nur einmal zum Zusammensturz geführt hat. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen, das unmöglich Erscheinende möglich machen zu wollen. Immer höher, immer schneller, immer weiter. No risk, no fun. Besser: Ohne Risiko keine Weiterentwicklung.

Kirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der Backsteingotik

Bei den nachfolgenden Fotos zum Größenvergleich auf den erklärenden weißen Mauszeiger achten!

Kirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der BacksteingotikKirchen der Backsteingotik

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

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Schönes Wismar

 
 
Wir waren 2002 und 2010 schon einmal in Wismar, allerdings jeweils nur für einen kurzen Stadtbummel. Jedes Mal war Wismar für uns das Ziel einer kleinen Bootstour, einmal von der Insel Poel, einmal von Boltenhagen aus. 2002 konnte man erkennen, dass Wismar vom Grundsatz her eine schöne Stadt war und immer noch ist, aber die überwiegende Zahl der Häuser war entweder ziemlich heruntergekommen oder schon im Verfall. Nur weniges war bereits restauriert.

Wismar 2002Wismar 2002 

Hansestadt Wismar um 1653 Wismar zählt zu den besterhaltenen mittelalterlichen Stadtkernen in Norddeutschland und wurde 2002 ins UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen. Der Grundriss ist bis heute unverändert geblieben und verdeutlicht die typische Struktur einer alten Hansestadt. Es lohnte sich also, zu restaurieren. Und bei unserem Besuch 2007 sah es dann bereits ganz anders aus! Da waren sicher mehr als 80% der Gebäude restauriert, das ehemals graue Stadtbild war bunt und der Tourismus florierte. Ab und zu gab es ein Haus, das noch nicht restauriert war, vermutlich, weil entweder die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt waren oder das Geld fehlte. Wir kamen durch Zufall an einem großen, einzeln stehenden Haus vorbei, das meine Aufmerksamkeit erregte, weil ich mir vorstellen konnte, dass es einmal wunderschön werden könnte. Und tatsächlich hing schon das Plakat einer Baufirma daran! Ich habe es damals fotografiert.
Inzwischen gibt es einen schönen Wohnmobilstellplatz in Wismar, günstig gelegen in fußläufiger Entfernung zum Stadtzentrum und zum alten Hafen (ca. 10-15 Min.). Ruhig, ein auch im Winter betriebenes Büro mit Ansprechpartner, Gasverkauf, Sanitärgebäude, €10, Strom über Automaten (€1/8 Std). Wir blieben ein paar Tage und erkundeten die Stadt. Schön ist sie geworden! So gut wie kein Haus ist noch renovierungsbedürftig, egal in welchen Seitenstraßen man sich umschaut, überall stehen wunderschöne alte Häuser, teilweise ganz im alten Stil der Backsteingotik, teilweise die alten klassizistischen Giebelhäuser. Keines ist genau gleich mit dem Nachbarhaus und auch die neu erbauten modernen Gebäude sind vom Stil her sehr harmonisch angepasst.

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Je mehr wir sahen, desto begeisterter waren wir! Und dann kamen wir an einem großen, einzeln stehenden Haus vorbei, das meine Aufmerksamkeit erregte, weil sich irgendetwas in meinem Hinterkopf regte. War das das Haus, das ich vor 10 Jahren fotografiert hatte??? Wieder in Oscarlotta befragte ich meinen Laptop. Das Ergebnis seht ihr hier:

Wismar 2010 Wismar 2017

St. Marien Wismar hatte das Glück, im 2. Weltkrieg nicht total zerstört worden zu sein. Zwei ihrer drei beeindruckenden Kirchenbauten im Stil der Backsteingotik erwischte es allerdings. Von St. Marien blieb nur der gewaltige Turm stehen, das beschädigte Kirchenschiff wurde 1960 gesprengt. Die Umrisse sind noch gekennzeichnet und im Inneren des Turmes kann man sich einen kurzen 3D-Film anschauen, der sehr anschaulich erklärt, wie Backsteingotik-Kirchen dieser Größe erbaut wurden. Mit den Mitteln, die man im 13./14. Jahrhundert zur Verfügung hatte, ein für uns immer wieder unvorstellbares Unterfangen! In einem Nebenraum gibt es eine interessante Ansammlung von sechs Backstein-Figuren. Als Vertreter unterschiedlicher Kulturen und Religionen treten sie mit Originalzitaten aus ihren Schriften in einen Dialog über Gott und seine Schöpfung, über die Suche nach dem Sinn des Lebens und die Möglichkeiten des friedlichen Zusammenlebens von Menschen. Diese Gespräche werden über Lautsprecher wiedergegeben (Sprecher ist Bruno Ganz) und erzeugen im Zusammenspiel mit dem abgedunkelten, kargen Raum und den Figuren eine eigentümliche Stimmung. Die Figuren stellen einen Pilger dar, den streitbaren Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, den Philosophen und Theologen Petrus Abaelard, den persischen Dichter Hafis, den Rabbi, Arzt und Philosophen Moses ben Maimon und schließlich Parzival, den Held aus Wolfram von Eschenbachs berühmtem Ritter-Epos.

Dialog des GeistesDialog des GeistesDialog des GeistesDialog des Geistes

St. Georgen Die Kirche St. Georgen wurde ebenfalls stark beschädigt, aber nicht gesprengt, sondern ihrem Verfall überlassen. Erst als 1990 bei einem Orkan der Giebel des Nordquerhauses auf zwei benachbarte Bürgerhäuser fiel und diese zerstörte, fing man an, Spendengelder zu sammeln und die Restaurierung zu beginnen. Allerdings ist von der originalen Kircheneinrichtung nichts mehr erhalten. Über 40 Millionen Euro ermöglichten die Gesamtrestaurierung bis 2010. Die Kirche wird als sog. Veranstaltungskirche heute für verschiedene Events genutzt und entsprechend bestuhlt und hergerichtet. Inzwischen gibt es auch eine Aussichtsplattform auf dem 36m hohen Turmstumpf. Der ursprünglich geplante große Turm wurde über die Jahrhunderte wegen Geldmangels übrigens niemals fertiggestellt. Ganz bequem kann man sich mit einem gläsernen Aufzug nach oben fahren lassen. Die Kosten für den Bau der Plattform, des Aufzuges und die Turmsanierung beliefen sich auf rund 2,1 Millionen Euro, die man mit einer Besuchergebühr von 3 Euro wohl nicht so schnell wieder hereinbekommen wird! Der Blick von oben über die Stadt lohnt den Einsatz auf jeden Fall.

Wismar von obenWismar von obenWismar von obenWismar von oben

Die dritte große Kirche, St. Nikolai, wurde im Krieg vollständig verschont und beeindruckt durch das 37m hohe Mittelschiff, nach Köln, Ulm und Lübeck das vierthöchste Deutschlands. Das komplett erhaltene Kircheninnere ist im Barockstil gestaltet und verfügt noch über Teile der originalen Inneneinrichtung und viele Grabplatten mit alten Inschriften.

St. NikolaiSt. NikolaiSt. NikolaiSt. NikolaiSt. NikolaiSt. NikolaiSt. Nikolai

Unser Favorit ist eindeutig die Kirche St. Georgen. Sie wirkt durch ihre vielen Anbauten und Türmchen trotz ihrer Größe zwar imposant, aber auch irgendwie anmutig. Alle drei Großkirchen prägen schon von weitem das Stadtbild von Wismar.

"Alte Schule" Ein weiteres Juwel wird gerade wiederhergestellt, was aber sicher noch ein paar Jahre dauern wird. Die „Alte Schule“, 1351 erstmals im Stadtbuch von Wismar erwähnt, war ein langgestrecktes Gebäude, was in der Mitte durch eine Brandmauer geteilt wurde. Jede der beiden Hälften wurde durch Fachwerkwände in drei gleich große Klassenräume gegliedert und setzte sich vom Erdboden bis zum Dachstuhl fort. Dieses Bauwerk galt als herausragendes Beispiel der Backsteinbaukunst im hochgotischen Stil und zählte im Ostseeraum zu den Spitzenleistungen des Profanbaus. Ab 1863 wurde das Gebäude als Armenhaus genutzt und 1880 aufwändig restauriert, um es fortan als Museum für Kunst und Altertum zu nutzen. 1945 wurde die „Alte Schule“ bei einem Bombenangriff so schwer beschädigt, dass die Reste des Gebäudes schon zwischen 1946 und 1948 abgebrochen werden mussten. Der noch erhebliche Bestand des Kellers wurde mit Schutt verfüllt und überpflastert. 2001 wurden bei ersten Grabungen kleine Teile des Kellermauerwerks freigelegt.

"Alte Schule""Alte Schule"

Eine Bürgerinitiative wurde gegründet, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Für uns, unter anderem, durchaus ein guter Grund, in ein paar Jahren mal wieder vorbeizuschauen… 

Unter anderem, weil es außer Häusern und Kirchen natürlich auch noch einiges andere gibt, das durchaus lohnenswert ist! 

Eine Auswahl davon haben wir in ein Fotoalbum gepackt, das ihr euch anschauen könnt, wenn ihr „hier“ klickt.

written by Ingrid
photos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.