Das doppelte U

 
 
Heute möchte ich euch mal eine völlig andere Geschichte erzählen!
Uschis Vater besitzt eine WIRKLICH große private Modellbau-Eisenbahnanlage. Wie bei vielen Männern entstand die Liebe zur Modellbahn schon in Kindertagen und wie bei den meisten ging sie (zunächst) nicht über die Jugendzeit hinaus. Als Uschis Eltern 1969 ein eigenes Haus bezogen, war die Chance einer richtigen Modellbahnanlage in greifbare Nähe gerückt. Die beiden Töchter waren schon fast erwachsen und als die beiden Kinderzimmer im Untergeschoss des Hauses dann frei wurden, fing Heiner an, zunächst in einem der Zimmer (3,90m x 2,85m). Er war in der glücklichen Lage, eine “Wand-Rundumanlage” planen zu können, die natürlich viel größere Gestaltungsmöglichkeiten bietet als eine rechteckige oder L-förmige und außerdem gewährleistet, dass man – bei max. 90cm Tiefe – noch überall zumindest mit einer Hand hinlangen kann, ohne unter der Anlage herumkrabbeln zu müssen, um zu einer Ausstiegsluke zu gelangen. Nach einigen Jahren stand die erste Planung, die bei Modelleisenbahnern der wichtigste Teil ist (so wie im wahren Leben auch). Heiner hatte sich entschieden, seinen HO-Grundstock im Tausch gegen die noch relativ neue Spur N (Maßstab 1:160) herzugeben, weil damit eine viel realistischere Gestaltung von Strecke und Landschaft auf gleicher Fläche möglich ist, der Platzbedarf beträgt etwa ein Viertel der Fläche einer H0-Anlage. Als Zeitepoche wählte er die Bundesbahnzeit nach 1945 (Epoche III), in der es noch überwiegend Dampfloks, aber auch schon Diesel- und Elektroloks gab. Die Pläne ließen schon bald einen ausgeklügelten Gleisverlauf mit Fahrzeit verlängernden verschlungenen Strecken, mit einem im Bogen angeordneten Durchgangsbahnhof, einem Kopfbahnhof, einem Schattenbahnhof und einem respektablen Baubetriebswerk mit Drehscheibe und Ringlokschuppen erkennen. Der erste Plan (natürlich von ihm selbst skizziert), der auch schon baulich verwirklicht wurde, sah folgendermaßen aus:

1. Planstufe

Beim Bau der Anlage kam Heiner sein Beruf bzw. sein gestalterisches und künstlerisches Talent und Geschick zugute. Die Landschaftsgestaltung innerhalb der Anlage und der selbst gemalte Übergang von der Anlagengestaltung zu den gedruckten Hintergrundfotos ist wunderbar gelungen und unglaublich vielfältig!

Gesamtansicht Landschaft (real gedruckt)

19 Jahre später, als Heiner, der als freiberuflicher Grafiker zu Hause gearbeitet hatte, in den Ruhestand ging, wurde der nebenanliegende Raum (sein Büro) auch frei und die Anlage wurde durch einen Wanddurchbruch auf zwei Räume erweitert. Jetzt hatte er eine Fläche von 5,70m x 3,90m zur Verfügung! So kam es zu dem “doppelten U”, wie auf der Zeichnung gut zu erkennen ist und so ist der Zustand der Anlage heute noch.

Anlagenplan

Die Züge fahren durch “Tunnel” (Wanddurchbrüche) von einem Zimmer in das andere. 12 Züge können in dem nun neuangelegten Schattenbahnhof (links im Bild, mit hochklappbarer Abdeckung) “geparkt” werden. Um ein ständiges Umsetzen der Loks zu vermeiden und weil es viel schöner ist, wenn der Zugbetrieb durchläuft, musste eine Kehrmöglichkeit her. Die fand Platz in der oberen Schublade des nun nicht mehr benötigten Zeichnungsschranks und misst im größten Radius 45cm! Zwei zusätzliche Durchfahrtsgleise ermöglichen nun einen reibungslosen Zugverkehr.

12-gleisiger Schattenbahnhof

Der linke Teil der Anlage wird beherrscht von dem Gebirgszug “Doppelstein” mit “Burg Doppelstein” und Bahnhof “Doppelstein”. Direkt daneben liegt die “Stein-Brauerei” und der “Gasthof zum Adler”, in dem die Reisenden sich erst einmal erholen, erfrischen und stärken können. Einen hübschen kleinen Gebirgssee gibt es auch, also wird der eine oder andere Reisende vielleicht nach einem Pensionszimmer fragen!

Doppelstein  Burg Doppelstein Bahnhof DoppelsteinStein-Brauerei mit BahnhofStein-Brauerei Brauereigasthof Adler

Im rechten Zimmer beherrschen ein mittelgroßes Dampflok-Betriebswerk und der große, fünfgleisige Durchgangsbahnhof “Tiefenthal” den linken Teil. Das hübsche Fachwerkstädtchen “Tiefenthal” erstreckt sich hinter dem Bahnhof bis zu den Weinbergen.

Drehscheibe und Lokschuppen Bahnbetriebswerk DrehscheibeLokschuppenTiefenhal mit Bahnhof

Vom Bahnhof aus führt eine Nebenbahnstrecke in einer Wendel zu dem idyllisch gelegenen Ort “Eckenberg”. Zwischen “Tiefenthal” und “Eckenberg” liegt ein kleines Hafengebiet sowie ein Kraftwerk und ein Schotterwerk. Hier ist die Streckenführung so gestaltet, dass durch einen Güter-/Abstellbahnhof viele Rangiermöglichkeiten bestehen.

EckenbergKircheBahnhof EckenbergGewerbegebiet mit FlusshafenGüterbahnhof  
Eine Abzweigung von der Hauptstrecke im unteren Teil des rechten Plans führt an einer Eisengießerei vorbei in den Kopfbahnhof “Bad Zang”, der auch einen E-Lok-Schuppen beherbergt.

Eisengiesserei Hohenburg Bahnhof Bad Zang Bad Zang

Der (erste ursprüngliche) Schattenbahnhof im rechten Teil der Anlage liegt unter abnehmbaren Landschaftsabdeckungen, so sind die 5 Abstellgleise und die zwei Durchgangsgleise von oben in ganzer Länge erreichbar. Eine besondere Herausforderung stellte die Unterquerung des Flusses im Hafengebiet (oben rechts im Plan) dar. Den Schattenbahnhof tiefer zu legen, wäre mit Schwierigkeiten verbunden gewesen. Die Lösung lag in der Nachgestaltung einer Turbinenanlage, durch deren Inneres die Züge bequem hindurchfahren können. Um den optischen Zusammenhang des Wasserlaufs zu unterstreichen, wurde ein Stück “Turbinen-Oberwasser” gestaltet. Die Differenzhöhe zwischen Ober- und Unterwasser beträgt ca. 5cm, entsprechend ca. 8m Höhe bei einer Kaplan-Turbinenanlage.

Bedient wird die Bahnanlage über ein aus handelsüblichen Teilen selbst gebautes Gleisbild-Stellpult. Um von dort einen Überblick auf Bahnhof “Doppelstein” und das Geschehen im linken Zimmer zu haben, hat Heiner dort eine Videokamera installiert und kann an einem Monitor an seinem Stellpult alles problemlos überwachen. Sehr pfiffig!

Insgesamt drei Stromkreise versorgen die Gleise mit Spannung. Die Nebenbahnstrecke hat durch eine Pendelzug-Automatik einen eigenen Betriebsablauf. Für Rangiertätigkeiten kann die gesamte Anlage mittels zweier Umschalter über einen Trafo bedient werden.

Die gesamte (zweigleisige) Hauptstrecke ist etwa 37m lang, ein flotter Reisezug (bei angenommenen 120 km/h, ermittelt über eine Teststrecke per Stoppuhr und dann umgerechnet) braucht für einen kompletten Durchlauf satte 3 Minuten, ein Güterzug 4,5 Minuten. Ein reibungsloser Zugverkehr ohne Überwachung (kein Blockbetrieb) ist möglich mit 4 Zügen gleichzeitig.

Beim 5. Internationalen Modellbauwettbewerb des Eisenbahn-Journals im Jahre 1997 belegte Heiner mit seiner Anlage in der N-Klasse einen respektablen 5. Platz!

Die gesamte Bauphase zog sich von 1975 bis ca. 1998 hin, “ganz fertig” wird ein Eisenbahner ja nie. Seine größte Freude ist jetzt, mit allen möglichen Zugzusammenstellungen „Betrieb” zu machen. Jetztzustand des rollenden Materials sind ca. 150 Lokomotiven mit entsprechendem Wagenmaterial. Den größten Anteil in seinem Bestand hat die Deutsche Bundesbahn, auf einen kleineren Teil verteilt sich Reichsbahn und Länderbahn.

Die gesamte Anlage ist – auch aufgrund ihrer Größe – so vielfältig und mit so vielen liebevollen und teils auch witzigen Details und Szenen versehen, dass man sicher stunden-, wenn nicht tagelang mit den Augen darauf spazierengehen müsste, um wirklich alles entdeckt zu haben.

WaldaussichtsturmBauernhofNeubaugebietGaststätte zum Bahnbetriebswerk

Wieviele Stunden Arbeit, Überlegung, Tüftelei, Fummelei in dieser Anlage stecken, ist fast unvollstellbar. Einige seiner um bis zu 30 Jahre jüngeren Eisenbahnfreunde bringen ihre eigenen Züge mit, um sie auf seiner Anlage fahren zu lassen! Und Heiners Fachwissen und seine Ratschläge sind immer noch sehr begehrt.

Wir wünschen ihm noch einige Jahre Freude mit seiner ganz eigenen “Miniatur-Wunderwelt”!!!

Und für die besonders Interessierten füge ich hier noch eine “Zeitreise” an, die Heiner vor vielen Jahren mal für ein Eisenbahn-Journal geschrieben hat sowie eine ebenfalls selbstgeschriebene “Foto-Reportage im N-Land”. Der Spaß beim Lesen ist garantiert!!! Denkt dran, dass ihr die Fotos durch anklicken vergrößern könnt, um den Text besser lesen zu können!

Epochen 1Epochen 2
Epochen 3Epochen 4

Fotoreportage 1Fotoreportage 2Fotoreportage 3Fotoreportage 4

Ein ganz besonderes “Schmankerl” noch zum Schluss: Ein kleines, nicht besonders professionelles Video, das euch aber hoffentlich trotzdem Spaß macht. Bitte “hier” klicken!

written by Ingrid
photos and videos taken with iPhone

P.S.: Wie immer könnt ihr die Fotos durch anklicken auf Originalgröße bringen und den Fototext lesen, wenn ihr den Mauszeiger auf das Foto führt.

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4 Kommentare zu “Das doppelte U

  1. Hallo,

    sehr schöne Anlage, schön bebildert und beschrieben. Jetzt habe ich endlich Bandbreite und Muße, um mir alles anzusehen. Besonders die Hintergrundkulisse passt perfekt, bei manchen Bildern muss man den Übergang zum Hintergrundbild wirklich suchen.
    Die Club-Kollegen werden auch schon mal reingeschaut haben, der größte Stress ist vorbei.

    Gruß
    Henning

  2. Eine phantastische Eisenbahn – der Traum eines jeden Jungen (Mann?). Leider ließen die Umstände in meiner damaligen „Jugendzeit“ die Anschaffung einer selbst
    kleineren Bahn nicht zu. Viele Grüße Rudolf

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